Die Ruhe vor dem Sturm

Manchmal steht man morgens auf – und dann passiert sowas. Es kann vorkommen, dass man aufsteht und plötzlich alles anders ist. Mir ist das passiert. Seit ich denken konnte, war mein Leben ein Schlachtfeld. Oder ein Kreuzzug. Zumindest kann ich mich an nur wenige Tage meines Lebens erinnern, an denen ich nicht kämpfen musste. Kämpfen war ohne Frage fester Bestandteil meines Lebens. Und Feinde und Gegner gab es freilich mehr als genug. Irgendwas oder irgendwer war ja immer bestrebt, es einem so schwer wie nur irgendwie möglich zu machen. Gesundheit, Geld, Arbeit, Zeit, Menschen – irgendwer hatte es immer auf einen abgesehen.

Ich scheine den Schuss nicht gehört zu haben. Zumindest war es auf einmal weg. Plötzlich gab ich meine stetige Verteidigungshaltung auf – mein imaginäres, hinter dem Rücken verstecktes Messer habe ich eingepackt. Die Sonne schien, ein laues Lüftchen ging und plötzlich hatte ich nicht mehr das durchdringende Bedürfnis, abwechselnd hysterisch zu schreien und noch hysterischer zu weinen. Alles wie weggeblasen. Stattdessen Lächeln, unbeschwerte Leichtigkeit, echtes (?!) Glück.

Das Leben hatte mich eigentlich zur Vorsicht erzogen. Oder zum Pessimismus. Eigentlich habe ich dem Frieden nie getraut. Ich wusste immer, dass um die nächste Straßenecke versteckt das nächste Missgeschick, das nächste Unglück oder was auch immer auf mich wartete. Ich war jederzeit kampfbereit – bereit mich zu verteidigen. Wie um alles in der Welt konnte ich das, was mir das Leben beigebracht hat, so völlig vergessen? Wie konnte ich all das nur nicht als berühmt-berüchtigte Ruhe vor dem Sturm erkennen?

Und plötzlich geschieht es wieder: Manchmal steht man morgens auf – und dann passiert sowas. Der nächste Feind steht vor mir und trachtet nach meinem Frieden. Und ich stehe da, völlig unbewaffnet. Völlig unvorbereitet. Geblendet von der Kraft meines Angreifers. Erst, als er mich niederschlägt, erkenne ich ihn. Es bin ich.

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