Großstadt-Horror

11245533_10205810999408261_8684280114296789238_nEigentlich sollte es ja als höchst löblich gelten, wenn man in seiner Freizeit gewisse Strecken zu Fuß und nicht mit einem fahrbaren Untersatz absolviert. Zum Beispiel, wenn man sich eines Samstagmittags auf den Weg ins Fußball-Stadion macht. Gut gut, der Spaziergang diente nicht in erster Linie der körperlichen Ertüchtigung – eigentlich streikten die Mitarbeiter der Bahn mal wieder. Also einfach mal das Beste aus der misslichen Situation machen und das Gute sehen. So blieb wenigstens genügend Zeit, sich auf ein bestimmtes, alkoholisches Level hochzuarbeiten, um sich dem typischen Fußballfan-Klischee anzupassen. Also: Kaltes Bierchen in der einen, Glimmstängel in der anderen Hand und an der Seite dreier tapferer Mitstreiter durch das wohl eintönigste Gebiet Berlins – auch Biesdorf Süd genannt – gestapft.

Theoretisch hätte man sich im Vorfeld durchaus eine aufregendere Route zurechtlegen können. Der Einfachheit halber entschieden wir uns für Geradeaus. Sechs quälende Kilometer lang. Mitten durch ein Wohngebiet, das bei genauerer Betrachtung auch ein brandenburgisches Dorf hätte sein können und nicht eben die Hauptstadt. Wäre da nicht ein Supermarkt auf halben Wege gewesen, wäre die Tristesse wohl kaum zu ertragen gewesen. So konnte man wenigstens seinen Getränkevorrat auffrischen. Wie es aber bei allen Wanderungen so ist, kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem es nicht weitergeht. In unserem Fall hieß dieser Punkt: Wald – oder auch die wahllose Ansammlung mehrerer Bäume, die uns den Weg versperrten. Außenrum und noch mehr Kilometer absolvieren war da irgendwie keine Option. Wie schön, dass in heutigen Smarthones weiterhelfen können. Und laut Google Maps musste das olle Stadion direkt da vorne hinter den Bahngleisen sein – also so von der Luftlinie her. Wir waren sowieso abenteuerlich drauf, also ab durch den Wald. Vielleicht würden die Äste und Blätter uns Schutz vor der Sonne bieten. Obwohl für den Tag Regen angesagt war, ballerte die fette gelbe Kugel am Himmel erbarmungslos auf uns nieder und brachte uns ganz schön ins Schwitzen. Aber welcher über die Jahre von Abenteuerlustigen eingetretene Trampelpfad würde uns ans Ziel bringen? Der Zweimetermensch unter uns analysierte fachmännisch die Lage und verfolgte mit den Blicken zwei Menschen, die auf ihrem Drahtesel unterwegs waren. „Da lang!“, tönte er und wies auf einen zwielichtig wirkenden Weg, der ins Innere des Waldes führte. „Zwei Radfahrer können nicht irren!“, war er sich sicher.

Na toll. Dachte ich mir. Wir werden uns im finsteren Wald verlaufen und dort jämmerlich sterben. Die Tatsache, dass mich schon nach wenigen Metern eine hundsgemeine Blindschleiche angriff, untermauerte diese These. Eine Blindschleiche ist eine Echse ohne Beine. OHNE BEINE! Könnt ihr euch das vorstellen? Nicht auszumalen, zu welchen Gräueltaten dieses Monstrum in der Lage wäre, wenn es Beine hätte. Flink und schnell wäre es. Es würde mich verfolgen – dabei die Geschwindigkeit einer Raubkatze annehmen und die Kraft eines Krokodils. Wie vorteilhaft, dass ich weder schnell, noch sonderlich stark bin. Ich würde also um mein Leben rennen, dank meiner nicht vorhandenen Geschicklichkeit über irgendeine Wurzel stolpern und mit der Nase im Dreck landen. Wäre ja schließlich nicht das erste Mal. Nur für gewöhnlich werde ich nicht von einem Ungeheuer verfolgt, dass es auf meine Innereien abgesehen hat. Noch während ich den eingeatmeten Staub aushuste und aus meiner Nase pule würde das gruselige Ding mit Beinen in meine Wade beißen und anfangen mich aufzuessen. Dann würde es feststellen, dass ich so gar nicht schmackhaft und irgendwie auch nix für die schlanke Linie bin und von mir ablassen. Meine drei Mitwanderer müssten dann stattdessen dran glauben. Und während ich dabei zuschaue, wie sie von der Echse mit Beinen zerfleddert werden, würde ich jämmerlich verbluten und im Wald verenden.

„Dumm gelaufen“, würde ich mir denken. Wenn jemand in vielen Jahren mein Skelett finden wird, so wird niemand meine tragische Geschichte erfahren und auch mein tapferer Todeskampf wird unbegründet bleiben. Man wird mich nämlich nicht identifizieren können. Wenige Tage vor der Echsen-Akttacke habe ich nämlich mein Portemonnaie verloren – samt Personalausweis, mit dem man wenigstens meinen Namen hätte herausfinden können. Irgendwas muss ja auf meinen Grabstein. Nun ja. Vielleicht hätte ich während meines qualvollen Dahinsiechens meinen Namen in den Baum ritzen sollen. Aus unerfindlichen Gründen habe ich mich für „Zwei Radfahrer können nicht irren!“ entschieden. „Jane Doe“ wäre ja auch irgendwie öde gewesen, so für die Ewigkeit.

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