Notiz an mich selbst. #5 – Abseits-Verhältnisse

Es hätte ja eigentlich auch ein schöner Tag werden können. Abgesehen von der Tatsache, dass ich statt des köstlichen hessischen Apfelweins lieber der abgestandenen Fanta fröhnte. Musste aber sein. Ich war ja als Fahrer des Abends auserkoren worden – Held und Herr über Schaltknüppel, Kupplung und Lenkrad.

Ein jeder, der vom Dorfe stammt, wird nun verständnisvoll nicken, weil ein solcher Zustand für Kinder der Landluft kein ungewöhnlicher Umstand ist. Zumal es um die öffentlichen Bewegungsmittel im Umkreis nur bescheiden bestellt war. Würde man aber zusätzlich wissen, dass ich mit meiner spritleeren Karre nur einen knappen halben Kilometer gefahren bin, würde keiner so recht verstehen, weshalb ich den Luxus des schlichten Betrinkens gegen die Faulheit eingetauscht habe.

Es war auch weniger die Faulheit, als ein anderer Luxus, den ich mir und meiner Besten verschaffen wollte. Und zwar der der lauten Mukke. Es waren Ferien, es war unter der Woche und wir strebten nach einem entspannten Abend auf dem Parkplatz unseres örtlichen Badesees.

Weit und breit keine nervenden Menschen, das Bad war längst geschlossen und alle arbeitslosen Muddis, samt Kindern, aufblasbaren Krokodilen und biologisch abbaubaren Strandmatten waren schon zu Hause, um vor dem Fernseher zu entspannen.

Niemand da, der sich über die laute Musik aus meinen Boxen (die im übrigen mehr gekostet haben, als mein ganzes Auto) hätte beschweren können. Einfach nur die wunderschöne Kulisse und den Sonnenuntergang genießen, echte Momente der Freundschaft, wie auch laute Gitarren-Mukke. Während wir durch den Zaun auf den See der tausend (nicht gefundenen) Leichen blickten, unsere Fanta-Flaschen liebkosten und die staubigen Schuhe aus dem Fenster hängten. Das Leben konnte so schön sein!

Mitten in unserer Idylle wurden wir von einer Gruppe herantretender – offenkundig angetrunkener – Herren im Zustand der endlosen Harmonie gestört. Drei Typen ließen sich mitsamt hässlicher Hippie-Decke unweit meines Gefährts auf der Wiese nieder. Die mangelnde Distanz zu meiner Karre verstand ich einfach mal als stillschweigendes Kompliment für meinen exquisiten Musikgeschmack und deshalb zog ich noch einen Ticken lässiger an der nahezu aufgerauchten Zigarette zwischen meinen Fingern und drehte die Lautstärke ein klein wenig lauter.

Ein bisschen Blick-Kontakt, ein wenig Geflirte und ein saucooles Grinsen später standen meine Begleiterin und ich – immer noch unermesslich legere – an meine Motorhaube gelehnt und schnackten mit den jungen Herren, von denen einer offenbar einst unsere Schule besuchte. Eine Jahrgangsstufe höher. Einer von den coolen „Großen“ also.

Kaum hatte betreffender Typ diese Info in die frische, abendliche Sommerluft geworfen, konnte ich mich auch schon erinnern. MENSCH! Das war DEEEER Typ. Ich wusste es wieder. Super heiß! Früher zumindest. Bevor der kreisrunde Haarausfall einsetzte. Kurz überlegte ich, ob meine Auswahlkriterien hingegen des männlichen Geschlechts wohl etwas zu oberflächlich arrangiert waren, als besagter Herr allen Charme aufbrachte, um mich ganz sexy-romantisch zu fragen:

„Sag mal… wollen wir vielleicht zum Burger King fahren?“

Mein Herzchen puckerte und ich war mir sicher, dass mich bis dato noch NIEMAND so lasziv angesprochen hatte. Hätte ein Spiegel vor mir gehangen, hätte ich vermutlich gesehen, wie dämlich fleckig rot ich angelaufen war. Schüchtern blickte ich zur meiner Besten, die ähnlich dümmlich süffisant drein blickte, wie ich.

„Öhm, ja. Können wir gerne machen. Aber mein Sprit ist fast leer.“

Schon klar, dass ich meine „Samstag-Morgen-Saumäßig-Verkater“ VERSUS „Ich-könnt-mein Geld-auch-als-heißes-Mädchen-einer-0190-Nummer-Verdienen“-Stimme aufgelegt hab.

Mann vor mir setzte sein charmantestes Lächeln auf (ich schmolz noch dümmlicher guggend dahin) und dann beruhigte er mich.

„Keine Sorge! Wir tanken, wenn wir da sind. Wir geben auch was dazu!“

Hätte das gesprochene Wort Möglichkeiten auf Smileys, ich schwöre – ein Grinse-Gesicht hätte hinter dieser Aussage gestanden. Und hätte mein Körper den Aggregatzustand von Butter – ich wäre schon längst im Boden versickert.

Notiz an mich selbst: Die Tanknadel lügt nicht.

In der Regel spinnen diese Geräte nicht. Ich meine, ich hatte auch schon mal ein Auto, welches mir ohne mit der Nadel (muhahaha) zu zucken ins Gesicht gelogen hat. Einfach so, ganz dreist. Aber dieses Auto, Trudi, mein Engel – die hat mich bislang (abgesehen vom nicht vorhandenen Einbrecherschutz) noch nicht enttäuscht.

Und tatsächlich startete ich die Karre und ein schrill orange leuchtendes Licht blinkte mir schelmisch entgegen. Die Tanknadel hingegen war so unmotiviert, wie selten – so tief ließ sie den Kopf hängen. Doch zu meiner Rechten saß eine aufgeregte Freundin mit dem Blick voller Hoffnung und auf meiner Rückbank die Jungs.Die Jungs, die damals schon Nirvana hörten, als man noch mit Zahnspange vor dem Spiegel weinte. Also ließ ich den Motor aufheulen (was sich bei 55 PS eher erbärmlich, als animalisch anhörte) und ließ die Kupplung kommen.

So liebes Menschenkind. Hier lag der Fehler:

Hast du tatsächlich mal eine Sekunde darüber nachgedacht, wann du dein Auto zuletzt mit einer Zapfsäule in Bekanntschaft gebracht hast? Nein? Hast du aber eventuell jüngst darüber nachgedacht, dass der nächste Burger King tatsächlich gut zehn Kilometer entfernt ist?

Wie um alles in der Welt willst du diese bewältigen? Wo du seit Tagen den knurrenden Magen Trudis fies ignoriert hast? Als du – tatenlos – an der Tankstelle vorbei zum Briefkasten getuckert bist? Auch wenn es dir bislang noch nicht geschehen ist (dämliches Menschenkind): Das Auto blinkt nicht nur aus Spaß und JA, der Sprit kann tatsächlich mal leer sein. Bis auf den letzten Tropfen.

Und hier dann die feierlichen Konsequenzen:

Zunächst unbedenklicher Geräusche, schoss ich mit meinem schwarzen Blitz durch den Wald in Richtung Burger King. Die Stimmung war ausgelassen fröhlich, die Boxen taten, was sie konnten.

Friede, Freude, Eierkuchen also. Ich fühlte mich so UNglaublich cool – endlich durfte ich auch mal mit den Großen spielen!

Leider musste ich doch recht zügig feststellen, dass meiner liebsten Trudi zunehmend die Puste ausging. An meinem Fahrverhalten änderte sich eigentlich nichts. Ich trat schwer motiviert aufs Gaspedal. Die Mukke lief noch immer und auch die Stimmung im Fahrzeuginneren blieb unverändert. Anders war eigentlich nur die Geschwindigkeit, mit der ich dahin brauste … rollte. Ich ward schweigsam, während ich dabei zusah, wie die Tachonadel langsam, aber sicher von 100km/h gemächlich bis 70km/h hinab sank.

„Äh… Süße?“, sprach ich meine Beifahrerin an.

Überschwänglich fröhlich – und eine verfickte Vorahnung – sah sie mich mit strahlenden Augen an.

„Jaaaa?“

„Der Spril ist leer. Der Motor ist aus.“

„NEEIN“

„Äh… doch“

Selten war es so schweigsam zwischen uns, wie in jenen Sekunden. Zwischenzeitlich hatte sich unsere Fahrgeschwindigkeit an das Tempo eines alten, schläfrigen Pudels angepasst. Glücklicherweise vernahm ich in unmittelbarer Nähe eine Einfahrt zu einem Wanderweg, in die ich mit Trudis letzter Kraft einschipperte. Na, wenigstens waren wir nicht mitten auf der Straße stehen geblieben (war mein erster Gedanke). Als ich resigniert den Schlüssel zog, überfiel mich dummerweise mein zweiter Gedanke. Und der Dritte und der Vierte.

Verdammt. Wir stehen hier – mitten im Wald.  Zum Burger King samt Tankstelle waren es knapp fünf Kilometer, ebenso zu uns nach Hause.

Nirgendwo ist eine Lichtquelle.

Selbst der Mond war uns nicht gnädig und versteckte sich hinter diversen Baumkronen. Macht ja nix, immerhin hatten wir (wie uns plötzlich bewusst wurde) drei praktisch völlig fremde Typen in unserer Karre. Bloß gut, wir waren nicht in einem dunklen Wald. Ja huch, waren wir ja doch.

Nun gut. Fettige Burger würden wir wohl keine mehr bekommen. Bier auch nicht, obwohl es gerade wirklich nötig gewesen wäre. Dafür würden wir womöglich vergewaltigt werden, danach abgestochen und im Waldboden verscharrt. Keiner würde es je erfahren, keiner würde uns jemals finden. Wäre ja auch nicht das erste Mal. Sollten die Typen zu faul sein, mein Auto in die nächste Stadt zu schieben, um eventuelle Beweise zu beseitigen, würde man lediglich mein verlassenes Auto am Waldesrand finden.

Unsere Familien und Freunde würden verwirrt sein der Tatsache, dass meine Beste und ich auf die Idee kamen, einen Trimm-Dich-Pfad zu besuchen. Wir waren ja schon bei Tag nicht sonderlich sportlich – geschweige denn nachts Okay… so recht verstanden haben sie uns ohnehin noch nie. Ich verüble es ihnen nicht. „Die wieder“, würde es heißen, ehe man uns für immer vergisst…

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