Notiz an mich selbst. #4 – Bewegungs-Verhältnisse

20150319_173129_HDRJa. Wandern.

Ich war kein Freund freiwilliger Bewegung, es sei denn, es erfüllte irgendeinen höheren Zweck. Wie etwa, um den Supermarkt zu erreichen, um mir ein leckeres Fertiggericht und eine Flasche Wein zu kaufen. Oder um ein notwendiges, öffentliches Verkehrsmittel zu erreichen. Oder betrunken in der Disko zu tanzen.

Eigentlich fallen mir ziemlich viele Gründe ein, um mich – wenn auch mäßig motiviert – in Bewegung zu versetzen. Aber Wandern? Simples losstapfen, mit dem Ziel, nach einigen anstrengenden Stunden wieder da anzukommen, wo man losgelaufen ist? Wieder am Ausgangspunkt ankommen und sich genügsam auf die Schulter klopfen, weil man wie ein Hamster im Kreis gelaufen ist? Dafür gibt’s Ring- und Spielzeugeisenbahnen.

Irgendwie unproduktiv. Und sinnlos auch. Könnte es ja noch verstehen, wenn ich loslaufe, um am Ende ein saftiges Schnitzel zu bekommen, oder eine Truhe voll Geld. Soll jetzt nicht ganz so selbstsüchtig erscheinen, wie es vermutlich klingt. Ich würde selbstverständlich auch loslatschen, um mir geliebte Personen aus irgendeiner Patsche zu befreien. Aber… Laufen um des Laufens willen? Really?

Also, von ALLEINE wäre ich sicherlich niemals auf diese absurde Idee gekommen. Soviel ist sicher. Leider brachte dann im Verlauf meines Lebens jemand anderes diesen Vorschlag. Ich hätte „Nee“ sagen können, aber ich war müde und zur Widerrede nicht in der Lage.

Wirklich, ich hätte „Nein“ sagen können. Aber ich hätte monatelang mit strafenden Blicken leben müssen. Und mich mit Worten, wie „du machst nie was mit“ arrangieren müssen. Und irgendwie hab ich ja auch meinen Stolz.

Nach längerer Überlegung dachte ich mir „Mein Gott, why not? Könnt`ja amazing werden.“

Ich würde ja wohl einen Tag, fünf oder sechs Stunden für die Freundschaft investieren können. Schließlich handelt es sich dabei um einen klar bemessenen Zeitraum, den man schweren Herzens absolvieren könnte, ohne größere Schäden zu erleiden. Dafür hätte man im Anschluss daran schlagkräftige Repressalien, sollte ICH dann mal eine Unternehmung durchzusetzen planen, die dem betreffenden Gegenüber nur mäßig schmeckte. Ein Boyband-Konzert oder so.

Nicht, dass ich daran selbst wirklich Spaß gehabt hätte, aber ein geeigneter Ausgleich wäre es allemal gewesen.

Notiz an mich selbst: Traue niemanden, der die Goldenen Wandernadel besitzt.

Es ist ein fragwürdiges Unterfangen, sich stundenlang einer Beschäftigung hinzugeben, die man von Herzen hasst. Aber ich versuchte es von der positiven Seite zu sehen. Es war ein Samstag, ich war nicht nennenswert verkatert, es war einer der wettertechnisch schönen Tage im April und es war ziemlich warm.

Es konnte ja nicht schaden, wenn ich mich mal dazu herabließe, den nächstbesten Berg meiner Umgebung zu erklimmen und mich dabei mächtig geil zu fühlen. Schließlich musste ich dafür auch n ganzes Stück anreisen, im Umkreis von vierzig Kilometern, gemessen ab meinem Wohnort, war die höchste Erhebung eine Autobahnbrücke. So würde ich etwas über Flora und Fauna der hessischen Welt kennenlernen und vielleicht genügend Kalorien verbrennen, um im Anschluss an den Marsch mein (dennoch eingefordertes) Schnitzel ohne Reue genießen zu können.

Also zog ich das bestmögliche Schuhwerk an, das sich in meinem Besitz befand und packte mir eine Flasche Wasser und einen Berg Zigaretten ein. Top vorbereitet. Wie ich fand.

So liebes Menschenkind. Hier lag der Fehler:

In Zeiten, noch lange bevor das kleine süße Smartphone das Licht der Welt erblickte, war es eine denkbar schlechte Idee, sich auf einen angeblich ortskundigen Wanderkumpel zu verlassen. Ohne auch nur in Betracht zu ziehen, dass ein Kompass vielleicht nicht die beschissenste aller Ideen gewesen wäre.

Mal abgesehen davon, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden und du weder Pirat, noch Schatzsucher bist – die einzigen Möglichkeiten, die einen Kompassbesitz auch heute noch legitimieren würden. Stattdessen glaubst du tatsächlich, du könntest einem wilden Jüngling vertrauen, der vor über zehn Jahren die Goldene Wandernadel erwarb? Zu der er als Teenie genötigt wurde, beim Alpen-Urlaub mit seinen Eltern, um auf den Watzmann zu steigen?

Die erhaltene Auszeichnung – oh Gott… Männer lieben Auszeichnungen – diente maximal dem Zweck, seine durch Wandern geschundene Männlichkeit wiederherzustellen. Keineswegs hatte dies mit absonderlicher Kompetenz zu tun. Ja, liebes Fräulein. Wieder einmal eine tolle Idee deinerseits. Lerne daraus. 

Und hier dann die feierlichen Konsequenzen:

Zunächst gestaltete sich alles harmloser, als zu Beginn befürchtet. Ich war ausgeschlafen und verhältnismäßig fit, während mein Kumpel irgendwo am Wanderweg einen geeigneten Parkplatz ausfindig machte. Autofahren zum Wandern? Irgendwie auch untrue. Geht aber manchmal nicht anders. Von Frankfurt bis in den Taunus zu laufen hätte weit mehr als Wasser und Zigaretten als Proviant erfordert. Zum Beispiel ein Zelt, einige Decken, wärmende Kleidung, Nahrung und einen Gaskocher. Und sicherlich auch Bier. Letztenendes wäre dies auch in unserem Fall nicht die schlechteste Idee gewesen. Also alles davon. Und vor allem das Bier.

Da gab es so einiges, was ich bedauerlicherweise nicht miteinkalkuliert habe. Ich watschelte – bereits die Hälfte meines Wasservorrats verbraucht habend – vom Parkplatz zum eigentlichen Wanderweg, Ich war schon jetzt aus der Puste, musste mir aber tieftriefende Wanders-Insider anhören. Geheuchelten Interesses nickte ich brav zu allen noch so abstrusen Informationen, während mir durch den Kopf schoss, dass eine Extraflasche Wasser auch ganz geil gewesen wäre. Ebenso wie ein warmer Pulli. War doch schon irgendwie zugiger auf so einem Berg als unten im Tal und in der Stadt.

Aber ich war metal.

Absolut.

So schlich ich hinter meinem Kumpel her und lauschte mit einem Ohr den Fremdwörtern, mit denen er um sich schleuderte, ohne dass ich auch nur ein Wort verstehen konnte. Hier und da blieb er an einer hässlichen Pflanze stehen, um noch mehr Fachvokabular zu versprühen und besagte Pflanze für sein Herbarium zu pflücken und dann in einer Klarsichtfolie zu verstecken.

Ja, er war nicht nur ein passionierter Wanderer, er war auch noch Botanik-Student. Ich – die in der elften Klasse Biologie abgewählt hatte – war also die denkbar schlechteste Wahl als Wanders-Kameradin.

Irgendwann stolperte Kollege dann über eine ganz besonders tolle Pflanze, die ihm beinahe orgasmisch-berauschende Glücksgefühle schon beim bloßen Anblick bescherte. So stand ich bedropst noch immer am Wegesrand, während er versuchte, sich mit Händen und Füßen durch das Dickicht des Waldes zu kämpfen, um die Pflanze zu pflücken.

Ich trank meine letzten Schlücke Wasser und stellte resigniert fest, dass ich bestenfalls eine dreiviertel Stunde Wanderung hinter mich gebracht hatte und noch etwa vier Stunden vor mir hatte. Wieder fröstelte es mich und ich sah gen Himmel. Wo war nur die Sonne geblieben? Der ganze Himmel war wolkenverhangen.

Und noch während ich nach oben glotzte… passierte es. Eine kleine, eisige Schneeflocke segelte in aller Seelen Ruhe hinunter und landete frech auf meiner Nasenspitze.

Schnee. Aha. Im April? Wo sind wir denn? Irgendwie war ich kacke unpassend angezogen.

Wenn es jetzt richtig anfangen würde zu schneien, wäre ich des Todes – da war ich mir sooo sicher. Ich nahm also Geschwindigkeit auf und stampfte über Stock und Stein, um meinen Freund aka. Missetäter und schlimmsten Albtraum über meine jüngst getroffene Feststellung in Kenntnis zu setzen.

Dummerweise konnte ich ihn nicht finden. Soviel Grün! So viele Büsche! Kurz wurde ich panisch, dann schnell hysterisch und schon brüllte ich oscarverdächtig dramatisch und verzweifelt seinen Namen. Es war kein Name für dramatische Momente. Es war kein „Jack, Jack…“ – obwohl ich die sinkende Eisscholle um die Ecke vermutete. Mein „Jack“ antwortete immerhin.

„Was schreistn so?“ – Wie verständnisvoll. Idiot.

Ich informierte ihn über den einsetzenden Schneefall, den er mit einem Schulterzucken und ungläubig, dämlichen Grinsen abtat. Noch während ich mich heftigst rechtfertigen wollte, sanken weitere Flocken zu Boden und dann endlich begriff auch er, dass ich durchaus wusste, wovon ich sprach.

„Hmm. Na, ich schätze, wir sollten besser zurück zum Auto…“

Ach, meinste?? Sonderlich in Wallung ließ er sich trotzdem nicht bringen. Immer mit der Ruhe. Die Pflanze und das Herbarium und so.

„Die Natur ist unser Freund und nicht unser Feind, verstehste?“

Wenn ich jemals jemanden spontan auf die Fresse hauen wollte, dann in diesem Moment. Blöd nur, dass meine Finger gefroren waren. Außerdem hatte er noch nicht das schönste der außergewöhnlichen Pflanzenobjekte für seine berauschende Sammlung ausgewählt. Erst nachdem er einen hässlichen, halbverdorrten Zweig abgebrochen hatte, konnten wir losgehen. Und ich bin mir sicher, dass er Freund Natur somit ganz schön ans Bein gepisst hat.

Dann lief mein Kumpel zielsicher los, geradezu auf einen – mir undefinierbaren – Punkt. Ich hatte längst keine Ahnung mehr, in welche Richtung wir liefen. Ich war unsagbar froh, dass ich jemanden dabei hatt. Wir passierten gruselige Bäume und hässliche Steinbrocken. Und mir drängte sich im Laufe der Zeit mehr und mehr das Gefühl auf, dass wir schon lange nicht mehr dem vorgegebenen Weg folgten.

„Mach keinen Stress. Das ist eine Abkürzung. Du willst doch auch so schnell wie möglich ins Auto, oder?“

Joa. Prinzipiell schon. Naja… er würde schon wissen….

… oder eben auch nicht. Anderthalb Stunden später spürte ich meine Finger schon lange nicht mehr. Ihre angenommene Farbe war mittlerweile auch bedenklich. War es noch blau, oder war es schon schwarz?

Und um mich herum lag bereits ein ordentlicher weißer Film auf dem Boden. Dieser wurde immer wieder von den starken Windböen aufgewirbelt und tanzte bedrohlich in Spiralen über unseren Köpfen. Es war echt sau kalt. Und alles sah gleich aus. Wahrscheinlich waren wir zum siebten Mal am selben Stein vorbeigegangen und in der selben Kuhle mit dem Fuß umgeknickt. Wohin man auch sah… nichts ließ auf Zivilisation, heißen Kakao und eine warme Decke hoffen.

So langsam begann ich dann doch, an den Fähigkeiten meines selbsternannten Wander-Gotts zu zweifeln. Kann ja auch irgendwie nicht stimmen, wenn die Abkürzung doppelt so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie der reguläre Weg. Oder sehe ich das falsch?

„Da hinten! Siehst du den Quercus ? Direkt dahinter ist der Parkplatz!“

Wat? Wen sollte ich sehen? Egal. Es klang auf jeden Fall, als seien wir dem Ziel nahe. ENDLICH! Nur noch ein paar Dornenbüsche zu überwinden, dann schon, ganz bald, müssten wir unser Auto erreichen. Das Auto mit schnell funktionierender Heizung, mit meiner Jacke und dem alten Dosenbier – Überbleibsel vom letzten Rock-Festival – auf dem Rücksitz. Der Typ brauchte bloß nicht glauben, dass ICH jetzt fahren würde …

Während ich so in Träumereien schwelgte, wurde ich durch ein unsanftes RATSCH aus den Gedanken gerissen. Ich blickte an mir herunter und mein als schön deklariertes Shirt hing in Fetzen von meiner Hüfte, als hätte ich soeben einen verbitterten Kampf ums Überleben geführt. Mit einem ausgewachsenen Bären, oder so.

Dabei war ich nur so abgefroren, dass ich nicht einmal merkte, wie der blöde Dornenbusch an mir hängen blieb und mir beinahe die Leber aus dem Körper gerissen hätte. Nicht, dass es auch so schon kalt genug gewesen wäre, nun stand ich auch noch halb nackt auf diesem beschissenen Berg. Und Pflanze hatte auch noch gegen Textil gewonnen. Was für ein elender Tag.

Wir näherten uns dem Ding, was ich einfach mal unwissentlich als Quer-Dings befunden hatte. Ich sah den siegessicheren Blick meines Kumpels und sah mich gedanklich schon im warmen Auto sitzend. Da gingen doch glatt die Pferde mit mir durch! Ich mobilisierte meine steif-gefrorenen Knochen, um noch vor ihn den schönsten Anblick auf Erden zu genießen: Den lieblos hergerichteten Parkplatz!

So tat ich zwei übermäßig großzügige Schritte, auf dem Weg ins Glück und ….

… hatte dann tatsächlich schweinisches Glück, dass der dumme Quercus da stand, damit ich mich mit letzter Kraft daran festhalten konnte. Beinahe wäre meine sonst so geizige Bewegungs-Freude doch zu spendabel ausgefallen und ich hätte einen Schritt ins Nichts getan. Da eröffnete sich eine unsagbare, unendlich weit und unendlich tief erscheinende Schlucht, direkt zur Spitzer meiner Schuhe. Als sei es die Waschmaschine der Hölle konnte ich nichts in ihr sehen, als wütendes Schneetreiben. Eine wahre Naturgewalt.

„Ist es nicht wunderschön?“

Whoaaa. Wer hatte nochmal behauptet, man bräuchte Freunde zum Glücklichsein?.

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