Oscar 2012: Nominierungen und einleitende Gedanken vor dem Event

Heute werden in Los Angeles zum 84. Mal die Oscars verliehen. Wie in jedem Jahr gibt es Favoriten, doch alles in allem scheint es in diesem Jahr ziemlich öde zu werden. Nicht einmal, weil es einen einzelnen, alles andere in den Schatten stellenden Super-Film gäbe, der sowieso nahezu alle Preise gewinnen wird und demzufolge stets die selben Menschen auf der Bühne rumturnen werden. Nein. Es wird lahm, weil die Filme irgendwie alle langweilig erscheinen.
Einst waren große Gefühle, atemberaubende Emotionen, blaue Menschen oder sinkende Schiffe die großen Abräumer der Academy Awards. Heutzutage verzichtet man auf Konversation und versucht sich in Pantomime, oder man verfilmt irgendwelche Kinderbücher. Wir sind ja alle sooo independent und hipp. Wir machen was super-duper Ausgefallenes. Ja. Vielleicht passt man sich auch nur dem Durchschnitts-Niveau der breiten Zuschauermasse an. Keine Ahnung, in welche Richtung. Aber wo, meine lieben Leser, ist der wahre Oscar-Schick hin? Wo sind die großen, spannenden Filme hin, bei denen man nicht nach einer halben Stunde wahlweise einschläft, die spektakuläre Flucht aus dem Kino plant, oder von suizidalen Gedanken übermannt wird?

Die meisten Nominierungen erhält im Jahr 2012 „Hugo Cabret“. Dabei handelt es sich – wie angekündigt – um die Verfilmung eines Kinderbuchs. Ganze elf Nominierungen, vorwiegend in belang- und ruhmlosen Kategorien, kann der 3-D Film aufweisen. Aber auch „Bester Film“ und „Beste Regie“ sind durchaus möglich. Letzteres dürfte daran liegen, dass niemand geringeres als Martin Scorsese für diesen Streifen hinter der Kamera hockte und kluge Anweisungen gab. Aber – jetzt mal ehrlich – Scorsese und eine 3D-Kinderbuch-Verfilmung? Wenn ich an Scorsese-Filme denke, dann erwarte ich coole Filme mit lässigen Bullen, Waffen, Geballer und Robert De Niro. Alternativ (und jüngst auch häufiger) Leonardo DiCaprio. Und Waffen und Geballer. Aber keine kleinen Jungs und komische Maschinen.
Naja. Meinetwegen. Aber Martin: du enttäuschst mich.

Zehn Nominierungen erhielt der wortkarge, französische Film „The Artist“. Leute. Mal ehrlich. Farbfilme und Vertonung waren meiens Wissens einst die großen Errungenschaften der Fimgeschichte. Und nun? Schwarz-Weiß Bilder und nahezu vollendeter Verzicht auf gesprochenes Wort.
Pseudointellektuelles Kino für jene Hippster-Zielgruppe, die sich selbst als ungemein kultiviert und gebildet befindet. Hatte Hollywood nicht eins etwas mit unterhaltsamen Streifen zu tun? So dachte ich zumindest. Achja. Verzeihung. Ich möchte hier ja keine Halbwahrheiten auftischen. Frankreich hat mit Hollywood wenig zu tun. Wie vielversprechend. Hust. Wer französische Filme kennt, weiß, dass sie nur gut sind, wenn eine unendliche Menge Blut fließt und trotz grausamster Anblicke die Kamera stur auf Ekelerregendes und Schockierendes richtet, statt in diesen Momenten elegant auszublenden. Hoffentlich kracht der „Artist“ wenigstens ordentlich aufs Maul, um sich Nasenbluten oder eine blutige Lippe zu zuziehen. Die letzte Hoffnung. Welch traurige Entwicklung. Sah aber die Academy irgendwie anders. „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bester Hauptdarsteller“, „Beste Nebendarstellerin“, „Bestes Originaldrehbuch“ und mir Jean Dujardin auch „Bester Hauptdarsteller“, der Favorit der Kategorie, btw.
Ich ahne es jetzt schon, ich werde heute Nacht beim Verfolgen der Verleihung von meiner Couch aus, mächtig genervt sein vom Goldregen für die westeuropäische Kunst.

Gleich zwei Filme können mit sechs Nominierungen glänzen. Hierzu gehört der Film „Die Gefährten“. Dabei handelt es sich um ein von Spielberg inszeniertes – natüüürlich – Kinderbuch. Wooohoo! Ich habe mir bislang erspart, den Film tatsächlich anzusehen. Die Kritiken für diesen Film um einen Jungen und seine ausgeprägte Liebe zu einem Gaul während des Ersten Weltkriegs waren zum Teil erschreckend. Ok. Der Plot hörte sich nun auch nur mäßig anregend an.
Warum auch immer, die bedeutendste Nominierung für diese weitere Enttäuschung findet sich in der Kategorie „Bester Film“. Regie führte Steven Spielberg, der aber in diesem Jahr zumindest nicht für seine Leistung als Regisseur ausgezeichnet werden wird. Sind ja auch keine Dinosaurier, E.T.s,, Haie oder Indiana Jones im Film am Start.
Ebenfalls sechs Nominierungen erhielt das Baseball-Drama nach einer wahren Geschichte „Moneyball“ mit Brad Pitt. Angeblich ein recht unterhaltsamer Film für Erwachsene, die einen funktionstüchtigen Farbfernseher mit Ton besitzen. Zwar ohne spektakuläre Effekte, aber wenigstens mit einer schönen Story. Ähnliches gilt auch für den Film „Descendants“, in dem George Clooney in der Hauptrolle zusehen ist, aber nur für fünf Kategorien eine Nominierung erhielt. Beide Herren sind für den Award zum besten Hauptdarsteller nominiert. Interessant hierbei ist, dass die beiden bereits seit vielen Jahren dicke Dudes und beste Kumpels sind und nun um den begehrten Preis fiebern. Ja, sie haben sogar eine Wette abgeschlossen. Sollte Brad gewinnen, muss Clooney eine Nacht lang den Kinderzoo der Brangelinas babysitten. Gewinnt hingegen George, muss Brad Pitt einen Tag lang den Deckarbeiter auf Clooneys Schiff arbeiten. Wer da wohl das schlechtere Los gezogen hat?

Was die darstellende Kunst der weiblichen Schauspielerinnen betrifft, zeigt sich eine ernüchternde Tendenz. Es scheint, als ob „Beste Hauptdarstellerin“ und „Bester Film“ nicht miteinander kompatibel sind. Lediglich das mit vier Nominierungen ausgezeichnete Rassendrama „The Help“ kann in beiden Kategorien eine Nominierung aufweisen. Ansonsten scheint weibliche Kunst nichts mit guten Filmen gemein zu haben.
Gespannt ist man auch in diesem Jahr auf den Gesichtsausdruck der Meryl Streep. Diese wurde nun zum 17. Mal als Darstellerin nominiert, hat aber bereits vierzehn Mal den gönnerhaften „Ach-Mensch-Schade-Aber-Ich-Gönn-Dir-Den-Preis-Wirklich-Von-Herzen“-Gesichtsausdruck aufsetzen müssen, den chronische Verlierer meist in Perfektion beherrschen. Zuletzt hatte Streep 1983 eine der begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen dürfen. In diesem Jahr wurde sie für die Rolle der „Margaret Thatcher“ in „Die eiserne Lady“ nominiert. Ob ihr diese Rolle Glück bringen wird, wage ich zu bezweifeln. Ich schätze, auch heute wird sie „allein“ und ohne Begleitung des goldene, schlanken Kerls auf die After-Show-Parties gehen müssen. Michelle Williams hat, so denke ich, ganz gute Chancen auf den Oscar. Ein weiteres, junges Ding, das sich vermutlich in Wasserfällen aus Tränen ergeben wird und peinliches Zeugs ins Mikro haucht. Williams hat in „My week with Marilyn“ die große Ikone Marilyn Monroe verkörpert, die in diesem Jahr ihren 50ten Todestag hat und der Damenheld einige zweifelhafte Modetrends zum Gedenken aufgehalst hat.

Um 17Uhr Ortszeit geht es los im Kodak Theatre in Los Angeles. Billy Crystal wird zum neunten mal das Event moderieren. Mal sehen, wie unterhaltsam er es gestalten wird. Die Eröffnungsshow mit Hugh Jackman im Jahr 2009 samt praller Musical-Nummer wird wohl so schnell keiner toppen. Ist ja auch sonst keiner „Wolverine“.

Wie wird es ausgehen?

Wird die innige Männerfreundschaft zwischen Brad und George den Konkurrenzkampf um den Goldjungen überstehen?

Wie sieht Brad Pitt wohl in Seemannskluft aus?

Wie viele Kinder aus dem Hause Pitt-Jolie werden den Abend mit Clooney überleben?

Werden sie kollektiv Jean Dujardin, den Stummfilm-Fuzzi, hassen, weil er die Trophäe mit nach Hause genommen hat?

Oder werden sie ihn dafür einfach ordentlich auf die Fresse hauen und somit aus der Nummer noch einen guten französischen Film machen?

Wird Brad endlich Angelina und die Blagen verlassen? Ich schweife vom Thema ab…

Wie sieht der Verlierer-Gesichtsausdruck von Meryl Streep 2012 aus? Verliert sie endlich die Beherrschung und zückt die einegschmuggelte Kettensäge, um ihrem Unmut kundzutun?

Wird Borat Darsteller Sacha Baron Cohen in Diktator-Kluft die Party sprengen und für einen handfesten Skandal in der Welt der Schönen und Reichen sorgen? Wird er mit Elektroschock-Geräten gezüchtigt werden müssen?

Wird Wolverine die Bühne entern und Billy Crytal fressen?

Mit all diesen und noch weiteren Fragen werde ich mich heute Nacht ab 02 Uhr auseinandersezuen und nach Antworten suchen. Einen ausführlichen Bericht über die Oscar-Verleihung könnt ihr morgen früh ab etwa 06Uhr auf meinem Blog lesen.

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Eine Antwort zu “Oscar 2012: Nominierungen und einleitende Gedanken vor dem Event

  1. Ich werde morgen VIEL zu lesen haben. Aber ich weiß jetzt schon, dass sich der email-Verkehr ins 4.OG in Grenzen halten wird. Obgrund zweifelhafter Nominierungen „wortkarger Wolfram’s“ …

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