Notiz an mich selbst. #3 – Alternativ-Verhältnisse

Wie ein wütendes Pony schnaubte ich aus und nippte an meinem Bier. Eigentlich hatte ich schon völlig vergessen, warum ich mich mit meiner Mitbewohnerin so schlimm in die Haare bekommen hatte. Aber eines wusste ich: Ich war wirklich stinkig und trank gerade schon das vierte Trotz-Bier und inhalierte, noch wütender, die vierzehnteste Zigarette nach dem Eklat.

Aber irgendwie bemerkte ich schnell, dass meine bodenlose Empörung mit blanker Ignoranz  abgestraft wurde. Ich kramte also im Repertoire meiner Handlungsalternativen und wurde bald, wenn auch nicht vollends überzeugt, fündig. So stapfte ich in Richtung Garderobe, um meine Jacke abzuholen und infolgedessen einen stilvollen polnischen Abgang hinzulegen.

Notiz an mich selbst: Streite dich nicht mit deinen Freunden, selbst wenn du dich im Recht wägst.

So sehr man sich auch im Recht glaubt, man sollte unbedingt die äußeren Umstände in Anbetracht ziehen, bevor man das erste böse Wort fallen lässt. In diesem Fall standen die Zeichen leider entschieden gegen mich. Ich befand mich mächtig angetrunken in einem Club in der Berliner Innenstadt.

Ich, die ja am Rande der Stadt wohnte, hatte eine lange Bahnreise vor mir, um mein mäßig gemütliches Zuhause zu erreichen – und dies nun alleine, da ich soeben alle eventuellen Begleiter und Mitfahrer kollektiv im Club hatte sitzen lassen. Schon auf dem weiten Weg zum nächsten Bahnhof stellte ich fest, dass ich mein Verhalten eventuell hätte ein bisschen besser durchdenken müssen.

Nun konnte ich nicht einmal wehmütig in den Club zurückkehren, da ich mein letztes Geld in ein schales Bier investiert hatte und so nicht den erneuten Eintritt hätte löhnen können. Aber manchmal – gaaaanz manchmal – bietet Gott ja auch einen Ausweg aus der bescheidensten Situation und öffnet manchmal gar ein Türchen. In meinem Fall öffnete sich ein Türchen – und zwar das eines Taxifahrers zweifelhafter Herkunft.

„Wolle mitfahre?“

Höflichst, wie es mir von Klein auf anerzogen wurde, machte ich den guten Mann auf die grenzenlose Ebbe meines Portemonnaies aufmerksam und schritt von dannen.

So liebes Menschenkind. Hier lag der Fehler:

Zur Höflichkeit wurdest du erzogen, aber scheinbar ist eine weitere, noch wesentlich wichtigere Lektion an dir vorbeigegangen: Nimm keine Süßigkeiten von fremden Männern an und steig – verdammt noch mal – nicht zu solchen in die Karre.

Glaubst du wirklich, da drinne befindet sich ein rosarotes Einhorn-Paradies mit Zuckerwatte und Gummibärchen?Und eine Welt, in der ein netter Mann dich kostenfrei vierzig Kilometer durch die Stadt bugsiert? Wenn ja – ja. Dann hast du das beinahe schon verdient.

Und hier dann die feierlichen Konsequenzen:

Da saß ich nun im wohlig warmen Wagen. Geschätzte Fahrtzeit: eine Stunde.

Erfolgreich absolviert: zwanzig Minuten.

Ich fühlte mich schlagartig weniger wohl, als ich des Taxifahrers schwitzige Hand auf meinem Oberschenkel verspürte. Ich schluckte laut, sah den schmierigen, alten Sack an und ganz plötzlich war mir nach heftigem Erbrechen zumute. Dabei war ich noch niemals so schlagartig ohne Hering und Tomatensaft nüchtern.

Welch merkwürdige Koinzidenz. Fuchs, der ich ja bin, wartete ich also auf eine günstige Gelegenheit, mich aus dem Staub zu machen. Diese bot sich schon bald, denn eine rote Ampel grinste mir gönnerhaft ins Gesicht. Als wir langsam auf sie zufuhren, eruierte ich die Umgebung und suchte nach einem geeignetem Fluchtweg.

Der Wagen hielt und ich war bereit, in einer dramatisch-theatralischen Aktion aus dem Auto zu springen und um mein Leben zu rennen.

Hinaus aus diesem Mercedes Benz also. Da fiel mir plötzlich ein, dass die meisten meiner Freunde mir schon seit Jahren trotz akademischer Laufbahn bestenfalls eine Karriere als Taxi-Fahrerin zugestehen konnten. Was sollte man sonst auch anderes mit einem Studium in dieser Fachrichtung erreichen? Richtig! Nichts. Aber immerhin eine fette Karre in der Einfahrt, wenn auch in einer beschissenen Farbe.

Ich versuchte meine Gedanken von dieser imaginären Katastrophe zu lösen und mich auf die akute Version meines Elends zu konzentrieren. Ich befand mich also im Firmenwagen meiner etwaigen Zukunft, als mir das Leben auf die plumpe Art verklickerte, dass es in solchen Automobilen eine Kindersicherung sogar an der Beifahrerseite gab.

Lautlos und unverrichteter Dinge klickte der Türgriff zurück und mein Fluchtweg wurde zu einem unwirklichen und unVERwirklichten Traum. Normalerweise trinke ich der Inspiration halber gerne einen Schluck Bier, doch auch dies sollte mir in diesem Moment verwehrt bleiben.

Also, was tun? Das schwitzige Etwas zu meiner Linken erwartete in Kürze wahlweise gespreizte Beine oder eine durchdringende Affinität zum erotischen Verschlingen von Lollis… oder Bananen. Danach stand mir weder Appetit, noch das Verlangen nach Wohltaten. Zum zweiten Mal an diesem Tage kramte ich in einer – zugegeben beschränkten – Auswahl an Handlungsalternativen. Spektakuläre Flucht im eigentlichen Sinne hatte sich soeben erübrigt. Was also nun?

Ich gebe zu, auch die folgende war nicht die beste meiner Ideen. Wirksam war sie aber.

Meine Inspirationen zur Selbsterhaltung rührten in der Regel aus dem zuletzt gesehenem Hollywood-Streifen. Ich hatte kürzlich „Kick it like Beckham“ gesehen. Kennt ihr? Indisches Mädchen, das in der Frauenfußballmannschaft einen Giga-Erfolg starten will? Neben der – damals noch flachbusigeren – Keira Knightley? Was soll man aus dieser Vorlage schon machen? Wollt ihr wissen? Jaaaa. Mir ist dazu tatsächlich etwas Erbärmliches eingefallen.

Bloß gut, ich hatte vor zwei Jahren beschlossen, meine blonde, unzureichend füllige Haarpracht in Schwarz umfärben lassen. Braune Augen hatte ich auch und eine Restbräune vom Bulgarien-Urlaub vor einem halben Jahr war auch noch geblieben. Heute also mal indisch?

Dem Genie zu meiner Linken schien zumindest nicht aufgefallen zu sein, dass ich nach dreißig Minuten Fahrtzeit die deutsche Sprache weitestgehend verlernt hatte und stattdessen irgendwas quäkte, was sich in meiner Imagination nach indischem Akzent anhören könnte. So zog ich mein ohnehin kaum vorhandenes Dekolleté bis zu den Augenbrauen hoch und erzählte ihm die berührende Geschichte meines – nicht gelebten – Lebens.

Ich war erst seit wenigen Tagen in Deutschland. Heute, actually, war der letzte Tag in meinem Leben, um als ledige Dame aufzutreten. Ihr müsst nämlich wissen, am morgigen Tag würde ich meinen künftigen Ehemann kennenlernen, den meine Eltern in meiner erfolgreichen Zeit als Sandburgenbauerin im indischen Sandkasten für mich ausgesucht hatten. Wie es die Religion gebot – welche zur Hölle galt in diesem Fall für mich? Haben die Inder überhaupt etwas gegen voreheliches Gepimper?

Notiz an mich selbst # zwischendurch: Indische, religiöse Gepflogenheiten studieren – durfte ich selbstverständlich nur jungfräulich in die Ehe treten. Deshalb und auch wenn es mir beinahe das Herz zerreißen würde, konnte ich dem Herren keinen sexuellen Gefälligkeiten erweisen, weil sonst mein Familienname beschmutzt werden würde. In einer anderen Welt und einem anderen Leben total gerne. Aber so ists nun mal schlecht.

Der schmierige Typ nickte verständnisvoll. Ohne weiterer Nachfrage schmückte ich meine Story mit weiteren fragwürdigen Fakten aus. Nach weiteren zehn Minuten meines – offenbar überzeugendem – Plädoyers, schien der Taxifahrer meines Unvertrauens realisiert zu haben, dass er an diesem Fall nur zu befriedigenden Ergebnissen gelangen konnte, wenn er sie sich selbst verschaffte.

Zu meinem Nachteil kam mit dem Zeitpunkt der Erkenntnis auch das Verlangen, dann doch noch mit deutschen Banknoten für die lange Fahrt entlohnt zu werden. Pretty schlecht für mich. Denn weder auf meinem Bankkonto, noch im stinkigen Strumpf meiner heimischen Kommode hatte ich die erforderlichen Euronen für die Fahrt versteckt. Hätte ich dem Fahrer allerdings diese Fakten verdeutlicht, hätte er vermutlich auf meine indische Jungfräulichkeit geschissen.

Und nun hatte ich tatsächlich  – zum dritten Mal an diesem Abend – zwischen meinen Möglichkeiten zu wählen und hatte, erstaunlicherweise, genau zu diesem Moment die tauglichste Idee des ganzen Abends.

Ich bat den Herren, der das Steuer führte, an einer mir wohlbekannten Ecke, kurz vor meiner Hood anzuhalten und mir gentleman-like die Tür zu öffnen. Schließlich musste ich nun meine (imaginäre) indisch, konservative Mutter und Wedding-Planerin aus dem seligen Schlaf reißen und um die Fahrtkosten bitten.

Aber – und dies war mein Vorteil – ich wusste genau, wohin der Hof und der angrenzende Parkplatz führte. So ließ der gute (???) Mann mich aus seinem Gefährt und endlich bekam ich die Chance, auf die ich bereits 42 Minuten gewartet hatte: die spektakuläre, theatralische Flucht. Doof für ihn, der sein Taxi kaum mit offenen Türen auf einer gut befahrenen Straße stehen lassen konnte, gut für mich, die – zwar nie sportlich – aber den optimistischen Willen einer ganzen Bollywood-Sippe verinnerlicht rannte, was ihre löchrigen Schuhe hergaben.

Erst Minuten später, als ich mich in der Gewissheit wägte, nicht mehr vom klappernden Klang gefälschter Armani-Schuhe auf dem Asphalt verfolgt zu werden, ließ ich mich hinter zwei parkenden Autos auf den Boden plumpsen. Wie immer musste ich sicherheitshalber erstmal weinen. Hätte ich damals schon ein Smartphone mein eigen genannt, hätte ich bei Facebook gepostet, was ich in diesem Moment gefühlt hatte.

„Meine Fresse. Offenbar gibt es einen Gott. Und der, der mir heute geholfen hatte, gehört zum Buddhismus? Hinduismus? Was zur Hölle sollte das gewesen sein? Egal. Ich gehe erst einmal heim. Ich glaub, ich hab noch einen Rest-Vodka im Kühlschrank. Auch irgendwie göttlich.“

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