Wulff: Rücktritt – Doch nicht ohne einen wertvollen Beitrag

Nur selten arbeiten alle Deutschen so leidenschaftlich zusammen – aber wenn es darum geht, eine jede Leiche aus eines Menschen Keller zu räumen sind alle dabei! So ist nun auch das Unvermeidliche eingetreten: Es hat sich ausgewullft! Der Präsident ist zurückgewullft. Man hat ihn rausgewulfft.
Entschuldigt. Ich gebrauche den Terminus natürlich völlig falsch, denn es hat sich mittlerweile tatsächlich eine Bedeutung des Verbs „wulffen“ herauskristallisiert. Um genau zu sein, sogar gleich zwei verschiedene!
An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Verkümmerung der deutschen Sprache ein wahrlich ernstzunehmendes Problem darstellt. Der drohende Verlust des zweiten Kasus, nämlich Genitiv, den ohnehin kaum noch ein Mensch anzuwenden weiß, ist für bekennende Sprachliebhaber schon ein herber Rückschlag. Ebenso wie zunehmende Anglizismen und der große Wunsch, den Jugendlichen in ihren unterprivilegierten Redeweisen ein Stück weit entgegenzukommen. Und auf Seiten des geschriebenen Worts, ist es kaum noch einem Menschen möglich, ohne Smiley einen vollständigen Satz zu formulieren. Schmerzlich. Wirklich.

In solch schweren Zeiten opfert Christian Wulff seine politische Karriere, um dem deutschen Wortschatz ein Präsent zu machen. Er wagte sich durch sein Verhalten aufs Glatteis, nur um uns eine neue Vokabel zu bescheren – welch großzügige, uneigennützige Tat!

1.Person Singular: Ich wulffe
2.Person Singular: Du wulffst
3.Person Singular: Er/ Sie/ Es wulfft

1.Person Plural: Wir wulffen
2.Person Plural: Ihr wulfft
3.Person Plural: Sie wulffen

Ich verzichte nun, aufgrund der zeitlichen Ersparnis, darauf, die weiteren, verschiedenen Tempus-Formen aufzuzählen. Denn gerade darum geht es heutzutage doch: Um zeitliche Ersparnis. Wer hat denn schon, angesichts des immer schneller werdenden Flusses des Lebens, noch die Zeit, jemandem zu gestehen „Pass mal auf! Ich hab die aus diesen und jenen Gründen bedrohlichen Scheiß auf die Mailbox gequatscht!“, wenn man auch sagen kann „Ey! Ich hab dich angewulfft!“ Mit letzterer Formulierung spart man beim Aussprechen gut die Hälfte der Zeit und kann sich stattdessen anderen, belanglosen Tätigkeiten hingeben.
Die zweite Bedeutung dieses Verbs kann durch die Anwendung sogar noch mehr Zeit sparen – es sei denn man versteht den Wert verschleiernder, mäßig ehrlicher Ansprachen und man kommt in eine Situation, in der eine solche Formulierung von Nöten ist. „Ey sorry Leute. Ich glaub, ihr hackt mir gleich ein Bein ab, wenn ich euch die Wahrheit sage, also versuch ich mal, die schlechte Wahrheit im schicken Gewand zu präsentieren. So kann ich mich schnell verpissen, ehe ihr gecheckt habt, dass sich hinter den wörtlich verpackten Rosen ein ziemlich stinkender Haufen Scheiße verbirgt.“ Prinzipiell ein Verb für den fortgeschrittenen Sprachnutzer. Sozusagen.

Also, danke Christian! Du hast Deutschland ein wenig mehr Zeit verschafft, die sie dazu verwenden können, andere Politiker auf ihre Wortschatz-Tauglichkeit zu prüfen! Du hast wahrlich einen Beitrag zu diesem Land geleistet, wenn auch nicht an erwarteter Stelle. Schade für dich, dass keiner (außer Frau Merkel) deine Mühen anerkennen und sich eingestehen wird, dass du nicht völlig unnütz warst.
Tröste dich. Es gab schon andere Politiker, deren Beitrag ein ähnlicher war und die dafür auch keinerlei Würdigung erfuhren. Du kannst dich sicher mit ihnen, sowie Mitgliedern der Piratenpartei auf ein Bier und Torte zum Stammtisch im Berliner Friedrichshain treffen.

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2 Antworten zu “Wulff: Rücktritt – Doch nicht ohne einen wertvollen Beitrag

  1. Ich vermute nicht, dass der Verlust des zweiten Kasus, nämlich Genitiv, so evident ist. Ganz sicher, wird man ihn auch in zwanzig Jahren noch verstehen. Er stirbt meiner Meinung nach langsamer als du denkst.
    Ich werde ihn jedenfalls nicht vermissen und fühle mich mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten pudelwohl.

  2. Irgendwie scheinst du mich nicht richtig verstanden zu haben. Ich sprach vom „drohenden Verlust“ des Genitivs. Die deutsche Sprachgeschichte hat über die Jahrhunderte gezeigt, dass sich solche Phänomene über eine lange Zeit erstrecken. Ich gehe auch nicht davon aus, dass zu meinen Lebzeiten der Genitiv ganz wegfallen wird. Er stirbt nach und nach aus, weil die Jugend ihn durchweg mit dem Dativ ersetzt, was meiner Meinung nach sehr auf die Kosten des Klangs der Sprache geht.
    Wenn du das anders siehst, ist es natürlich ok, weil subjektives Empfinden etc. Ich finde, dass der Genitiv eine nette Möglichkeit bietet, sich in einer Welt voller Wortkotze gehobener zu artikulieren. Selbstverständlich ist dieser Kasus kein Muss, sieht man daran, wie leicht er ersetzt werden kann. Ich für meinen Teil würde den Genitiv vermissen, aber vielleicht auch, weil ich von Berufs wegen mit Sprache zu tun habe und mich dafür interessiere.
    Aber interessant, dass du zu diesem ganzen Blogeintrag nichts mehr zu sagen hast, als auf dem „drohenden Verlust“ des Genitivs herumzureiten^^. Das Beklagen des „drohenden Verlusts“ war ja nun primär nicht gerade Hauptintention des Textes.

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