Notiz an mich selbst. #2 – Abstands-Verhältnisse

An einem Freitag erst um 22:30 Uhr Feierabend haben ist sowieso schon eine Schande. Entweder man ist früher fertig, oder eben später. Aber mit halb elf kann man nun wirklich nichts anfangen. Man kann nicht nochmal nach Hause fahren, um sich schick zu machen. Man kann auch nicht direkt in einen Club fahren, weil coole Menschen ja erst nachts um drei irgendwo auftauchen.
Ich für meinen Teil setzte mich in mein neues Auto. Vier Tage in meinem Besitz und schon hatte sich darin eine ähnliche Menge Müll angesammelt, wie in seinem Vorgänger. Pardon „ihrer Vorgängerin“. Denn meine Autos waren bisher immer weiblich. Nachdem „Pritzie“ jüngst, aufgrund des schmerzlichen Mangels an lebensnotwendigem Motor-Öl, das Zeitliche gesegnet hatte, befand sich nun Trudi in meinem Besitz. Ein altbackenes, deutsches Weibsbild. Ein 2er Golf eben. Ich warf also meine Tasche und meine Jacke in die Karre, schaltete Heizung und Musik im Höchstmaß ein und machte mich auf den Weg. 30 Kilometer lagen vor Trudi und mir und wollten bezwungen werden.
Eine gute halbe Stunde später tuckerte mein altes Mädchen auf dem Parkplatz einer mäßig guten Diskothek ein. Nur schwer konnte ich einen Parkplatz finden, der für mich und die Lady groß genug war. Ich stellte den Motor ab und blickte auf die Uhr. 23:10 Uhr.

Mist.

Verabredet war ich erst zu Mitternacht (meine Freunde sind auch nicht sooo cool). Was nun? Mit all meinen Komplexen und Ängsten allein in den Club gehen? Schön mitten im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen? Alleine und verzweifelt in der Ecke herumlungern und mich an einem halben Liter Apfelwein festhalten?

Nein. Lieber nicht.

Bloß gut, ich hatte bereits im Vorfeld eine Flasche der hessischen Köstlichkeit an einem Kiosk erstanden. Schließlich musste die Karre nur mit meiner Hilfe ankommen – den Rückweg würde ein Freund für mich bestreiten. Ich hielt meine Flasche und nippte einen Schluck, als mich eine schier unendliche Müdigkeit überfiel. Ich schraubte die Flasche wieder zu und befand es für eine fantastische Idee, die Türen zu verschließen, den Sitz zurück zuklappen und mich für ein halbes Stündchen dem Land der Träume zu übergeben. Ich würde frisch und heiter erwachen und die Nacht zum Tag machen können. Gaaanz, ganz sicher!

Notiz an mich selbst: Treffe die Wahl eines Parkplatzes mit Bedacht.

Ja, bei der Wahl einer geeigneten Parkmöglichkeit gibt es tatsächlich einiges zu beachten. Zunächst sollte man eruieren, wie hoch es um die Unfallgefahr bestellt ist. Da kann unheimlich viel schief gehen. Zu beiden Seiten sollte im besten Fall ein ausreichender Abstand zu Wänden, anderen Fahrzeugen oder Laternen bestehen.

Nach vorne hin, ebenfalls nach bestem Wissen und Gewissen, sollte genügend Distanz zu Hauswänden, Zäunen und kleinen Kindern bestehen.

Aber nicht nur gewisse Abstände sind zu bedenken. Auch der Untergrund, auf den man sich stellt, sollte beachtet werden. Glasscherben mindern oft die Möglichkeit, sich in naher Zukunft mit dem Automobil weiter fortbewegen zu können. Große Pfützen wiederum hindern das aussteigende Individuum daran, bequem aus- und einzusteigen.

Aber mal ehrlich, liebes Leben! Alles war gegeben. Ich würde bequem und mit trockenem Schuhwerk aussteigen können. Sogar ein eleganter Schwung mit dem üppigen Haupthaar wäre drin gewesen. Auch ein eventueller Beifahrer hätte das hinbekommen, wenn er die Tür nicht gerade weit aufgeschlagen hätte. Und Dritte wären ebenfalls nicht zu Schaden gekommen. Keine Kinder, keine Mütter und auch Trudi nicht.

So liebes Menschenkind. Hier lag der Fehler:

Schön, dass du darauf geachtet hast, weder dir, noch anderen Lebewesen Schaden zuzufügen. Auch an umgebene Kraftfahrzeuge hast du gedacht. Sehr löblich. Aber Sicherheit hat nicht zwangsläufig mit gebrochenen Beinen oder anderen, selbstverschuldeten Blessuren zu tun.

Liebes Kind … warum parkst du eigentlich in der dunkelsten Ecke eines Parkplatzes, dessen Ende aus einer Autobahnbrücke und einem tiefen, bedrohlichen Fluss besteht?

Und hier dann die feierlichen Konsequenzen:

Ich wälzte mich hin und her, aber sonderlich bequem sind deutsche Kleinwagen eben doch nicht. Abgesehen davon gab es Trouble am Nachbarswagen zu meiner Rechten. Es war laut. Wirklich. Ungeheuer nervtödlich laut.

Irgendein Depp war offenbar schon betrunken genug, um soeben erwähnte, unheimlich bedeutende Abstände nicht gewissenhaft abschätzen zu können und knallte mit der Fahrertür stetig an Trudis zarte, rechte Seite. Aber alleine hatte ich in etwa den Mut eines kleinen Rehleins. So verzichtete ich auf echauffiertes, lautes Gezicke in Richtung Störenfried und drehte mich einfach von ihm weg. Stets in der Hoffnung, noch 15 Minuten seligen Schlaf zu finden.

Falsch gedacht. Irgendwie

Ich hörte ein merkwürdiges Ratschen und fühlte augenblicklich einen kalten Luftzug ins Auto strömen. Als ich mich umdrehte, sah ich den blondlockigen Bubi, der gerade mit seiner Tür meine Trudi vergewaltigt hatte, in meiner offenen Beifahrertür stehen, die, wohlgemerkt, zuvor noch abgeschlossen war.

Ich weiß gar nicht, wer von uns beiden überraschter war, den anderen zu sehen.

So glotzte er mich an und ich ihn. Nachdem ich das Schweigen schon beinahe ein wenig peinlich fand, beschloss ich, dass es an der Zeit war, den ungebetenen Besucher zu begrüßen. „Hallo?!“, schnaubte ich empört. Er warf meine Tür wieder zu und verschwand mit der Geschwindigkeit einer afrikanischen Gazelle in Richtung Autobahn.

Immerhin war der kalte Luftzug nun weg.

Erstmal eine rauchen.

Ich würde ja auch gerne jemanden anrufen, um das Erlebte zu schildern. Aber irgendwie war ich kurz sprachlos. Dann traf ich eine weitere Entscheidung. Die zweite schlechte an diesem Abend – nach der glorreichen Idee, auf einem dunklen Parkplatz ein Nickerchen machen zu wollen.

Umparken! Ich musste UNBEDINGT umparken! Mich und Trudi irgendwo unter eine Laterne stellen, die heller leuchtete, als die Sonne. Leider hatte ich meine Fahrkünste etwas zu optimistisch eingeschätzt. Mir war nämlich entgangen, dass ich zwischenzeitlich begonnen hatte, hysterisch zu weinen und zu zittern. Nur zwei kurze Lenkungen und ich hatte mein Auto hoffnungslos im Weg eingekeilt. Ich kam nicht vorwärts und auch nicht rückwärts. Dafür blockierte ich immerhin den Weg für jene arme Geschöpfe, die sich an einem noch dunkleren Platz hatten abstellen wollen.

Leider erkannten die anderen Menschen den charitativen Zweck meiner Tat nicht an und versuchten, mich mittels lauter Hupgeräusche dazu zu bewegen, das Feld zu räumen. Entschieden: Ein guter Moment, um noch lauter zu heulen. Aus der dunklen Ecke erschien ein todesmutiger Rächer. Er trotzte dem reißenden Fluss, den umhertreibenden Dieben und der hochgefährlichen Autobahn und galoppierte mir zu Hilfe. Nicht mit einem weißen Gaul, sondern mit einem klapprigen Fahrrad.

Alarmiert von meinem offenkundig schreckverzerrten Gesicht stiegt der gute Mann von seinem Rad und klopfte an meine Scheibe. Dann traf ich eine weitere Entscheidung an diesem Abend. Mutti hätte mich allein für die Idee, egal wie sie ausging, schlimm verhauen.

Ich stieg aus und tauschte Auto gegen Rennrad. Zumindest für einen knapp bemessenen Zeitraum von etwa 17 Sekunden. Solange dauerte es nämlich, bis der wildfremde Mann mein Auto ausparkte und so abstellte, dass ich mich auf die Suche nach einer geeigneteren Parkfläche machen konnte. Offenbar war er nicht sonderlich angetan von Trudi, sonst hätte er sie mir nicht zurückgegeben.

Naja. Trudis Charme erkennt man nicht auf den ersten Blick.

Er stieg ohne ein Wort aus meinem Gefährt, nahm mir das Fahrrad aus den Händen und zog von Dannen. Unter penetrantem hupen stieg ich ein und parkte – wie geplant – um.  Nun war mir auch recht egal, ob ich alleine in einem Club herumlaufen würde. Ich hatte weit Schlimmeres erlebt! Wenn ich jetzt allein in einer Ecke rumstehen würde, hätte ich die Ausstrahlung eines Veteranen, oder zumindest eines angeschossenen Cowboys. Ganz tight also. Voller Härtefall-erprobtem Selbstbewusstsein. Allerdings fällte ich noch eine weitere Entscheidung. Ob diese so gut war, stelle ich nun einfach mal in den Raum. Ich beschloss, beim Einlass, die Einbauküchen von Türstehern über den Vorfall zu informieren.

„Jemand ist in mein Auto eingebrochen“, sagte ich.

„Nicht schon wieder“, sagte ein großer bäriger Typ mit bärigem Akzent.

„Ich saß dabei noch im Auto …“, fügte ich kleinlaut hinzu.

Der Gesichtsausdruck, den ich für diese Aussage erntete, ist nur schwer zu beschreiben. Irgendwo zwischen „Alter! Du hast ja drei Augen!“ und „Deine Haare brennen“.

Auf einmal war ich größer als die Einbauküche zu Hause. Und ich fühlte mich wie ein Held. So betrat ich den Club, als hätte ich melonengroße Eier (ich bin mir sicher, dass der Gang GENAUSO ausgesehen haben muss) und stellte mich, wie geplant, heroisch mit meinem Apfelwein in die einsame Ecke und wartete, dass meine Verabredungen eintrudelten.

Doch meine Freunde fanden mich nicht zuerst. Stattdessen wurde ich von den beiden soeben kennengelernten Massiv-Holzschränken und drei uniformierten Menschen der städtischen Polizei dazu aufgefordert, den Club zu verlassen, um den Tatort zu sichtigen. In ihrer Begleitung verschwand ich also aus dem Etablissement. Mit einem halben Liter Wein. Als Autofahrerin. Mit drei Polizisten. Man muss doch immer einen guten, rechtschaffenen Eindruck machen. Hust.

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2 Antworten zu “Notiz an mich selbst. #2 – Abstands-Verhältnisse

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