Notiz an mich selbst. #1 – Spiegel-Verhältnisse

Ich muss nun wirklich am absoluten Tiefpunkt angekommen sein. Ich sitze im Schneidersitz auf dem dreckigen Boden meines Wohnzimmers und föhne meine Ausgeh-Unterhose. Dabei strahlt mir dieser beschissene Vollmond direkt ins Gesicht.

Ich hab nicht mal Bock mit zu besaufen und das ist wirklich eine Besonderheit. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich noch genug Promille übrig hab von Gestern. Das nenne ich mal Effizienz! Warum jeden Tag ein Bierchen zischen, wenn ich mir den Alkoholbedarf von Tagen auf einmal reinzwitschern kann?
Dabei hatte ich einen wirklich schönen Abend, so am Donnerstag. Abgesehen davon, dass ich leicht überarbeitet und unterzuckert war. Ich hatte mich bereits im Vorfeld auf diesen Abend gefreut, denn es versprach ein musikalisches Spektakel zu werden – zumindest für jemanden, dessen kulturellen Maßstäbe relativ anspruchslos waren.
Wartet, ich stopf mir jetzt erstmal eine Zigarette.
Gutes Konzert, zu viel Bier auf nüchternen Magen und der wahrscheinlich oft verachtete Newcomer der Indie-Hip-Hop-Szene… wie ich liebevoll zu sagen pflege! Man mag sich über diese stilistische Entgleisung meines Geschmackes wundern, aber man wird mit fortschreitendem Alter vermutlich weich in der Birne.
Diverse Male hab ich mir vor dem Einschlafen Pläne zurechtgelegt, wie ich den Soft-Hopper zwingen würde, mir einen Heiratsantrag zu machen. Und ich schwöre – jedes Mal war ich originell und wahnsinnig überzeugend! Er war mir immer wieder um den Hals gefallen und hatte mir seine end- und kompromisslose Liebe gestanden. Und vergangenen Donnerstag sollten meine Träume Wirklichkeit werden!…
…. keine Sorge. Ich hab mir nicht schon alle Hirnzellen weggesoffen, die groben Denkvorgänge funktionieren weitgehend tadellos. Mir war schon klar, dass meine Träume tendenziell nicht in Erfüllung gehen würden, aber wenigstens könnte ich schmachtend, sabbernd an seinen Lippen hängen, während er einen schwulen Song nach dem anderen ins Mikrophon haucht. Man muss sich auch mit Wenig zufrieden geben, um in dieser Welt zu überleben.
Und genau DAS habe ich auch getan. Glaube ich…
… denn als ich zum nächsten Mal bewusst die Augen öffnete schepperte mein Kopf und ich vernahm nach einigen Orientierungssekunden, dass ich mich irgendwie nicht in meinem Bett und leider auch nicht in meinen eigenen vier Wänden befand. Ich wischte den Spuckefaden, der sich zwischen Mund und undefinierbarem fremden Pullover gezogen hatte mit dem Ärmel weg. Ok. Ich schien in einem Hotel gelandet zu sein. Mit selbigem Geistesblitz schmerzten meine Glieder und ich stellte fest, dass dies eventuell an meiner gekrümmten Schlafhaltung lag. Mit einem Blick quer durch den Raum eruierte ich, dass auf der anderen Seite des Zimmers ein Typ in einem Bett lag und laut schnarchte. EntegeUnter noch größeren Schmerzen erhob ich mich vom Sessel und kramte verwirrt in meinen Taschen. Wo zur Hölle… ach ja. Da war es. Mein Handy. 17 Anrufe in Abwesenheit, vier böse SMS. Hmpf. Hätte fast mehr erwartet. Und irgendwie war meine Jacke weg. Egal. Schnell raus aus diesem Zimmer. Schuhe hatte ich praktischer Weise gar nicht erst ausgezogen, konnte man also schnell aus dem Zimmer und in den Fahrstuhl fallen. Zu meinem absoluten Bedauern war dieser vollends mit Spiegeln ausgekleidet. Zu viel Wahrheit am Morgen. Eindeutig. Und schonungslos dazu. Wenigstens konnte ich behaupten, seit Halloween 1998 kein solches Volumen mehr mein Eigen genannt zu haben. Gut möglich, dass ein gleichmäßiges Augen-Make-Up tendenziell schicker gewesen wäre (um Himmels willen, wie lange kann es dauern, fünf Stockwerke runterzufahren???) … und auch der getrocknete Speichel an der Wange und an manchen meiner Haarspitzen war nur mäßig attraktiv. Bloß gut, die dämliche Aufzugtür entließ mich endlich in die Freiheit… mitten in die Rezeption eines Hotels, dass offenbar sonst gehobenere Leute als mich empfing. Auch die Reinigungshilfen machten optisch mehr her, als ich. Schnell raus auf die Straße… um zu meiner vermehrten Unsicherheit beizusteuern. a) war es scheißkalt. b) wo war ich? Wieso sieht es in Berlin an jeder Mülltonne gleich aus? …Okäi… man muss auch mal einen Fehler einsehen und auch vor Publikum gestehen, dass man Mist gebaut hat. Handy genommen, Rückruftaste von 16 der 17 Anrufe in Abwesenheit betätigt (bloß gut, es war nicht der eine andere… Mutti zu sagen, dass ich in Berlin verloren gegangen bin, hätte sie vermutlich nicht so geil gefunden). Leider war ich noch nicht mit GPS ausgerüstet, weshalb man mir am anderen Ende der Strippe nicht sonderlich weiterhelfen konnte. Ein Gefühlte Dekade später erschien ich endlich zu Hause… und befand es erstmal für eine gute Idee, den Rausch auszuschlafen. Da kann man wenigstens nicht allzu viel verkehrt machen.
Mein Körper war beim Erwachen nicht sonderlich gnädig mit mir. Der heimische Spiegel war fast noch ein bisschen gemeiner als der im Fahrstuhl. Ich befand mich alleine in der Wohnung und tätigte die Glanzleistung des Tages: Mich vom Bett zu erheben und drei Meter weiter auf der Couch wieder nieder zu lassen. War auch schon anstrengend genug. Während ich mir einen Matthias-Schweighöfer-Schinken (Seelenbalsam und so) reinzog, purzelten mir so langsam einige der Schäden ins Bewusstsein, die noch am selbigen Tag behoben werden wollten…. was war das doch gleich?
Wenn man denkt, der Tag wäre schon bescheiden gelaufen…. kann man noch immer eines Besseren belehrt werden.
Notiz an mich selbst: Werfe doch beim nächsten Mal einen gewissenhaften Blick in den Spiegel, bevor du dich dazu entschließt, das Haus zu verlassen. 
Ok, du hast Recht. Berlin ist eine anonyme Stadt. Keine Gott verdammte Sau interessiert sich für dein Erscheinungsbild. Es schaut dich sowieso keiner an. Manch ein Tourist wird dich eventuell mit einem abwertenden Blick beehren, insofern er nicht damit beschäftigt ist, ein Foto von einer als künstlerisch empfundenen, besprayten, ewig verschlossenen Tür zu schießen. Ansonsten bist du quasi non existent. Du hast vollstes Verständnis dafür. Es gibt Tage, an denen es nicht zu verachten wäre, tatsächlich nicht anwesend zu sein. Dumm nur, dass du trotz aller Melancholie und allem Selbsthass feststellen könntest, dass du manchmal mehr Wert auf einen brillanten Auftritt legen könntest, als bislang erwartet.
Zum Beispiel könnte es eines Tages geschehen, dass du die in Volltrunkenheit begangenen Schäden trotz allen Katers am Folgetag beseitigen musst. Unter anderem könnte es sein, dass du trotz elendigen Unwohlseins genötigt bist, dass Haus zu verlassen, um die in einem Club zurückgelassene Jacke abzuholen. Die gute, schöne Jacke, die teurer war, als die Hälfte deiner Wohnungseinrichtung und ein „Scheiß drauf“ ein nicht zumutbares Maß an Dekadenz dargestellt hätte.
So magst du dich vor den Spiegel stellen, reinschauen und sagen: „Kämmen? – Wieso denn? Hab doch noch wundervolles Volumen von heute Nacht. Schminken? – Wat? Die Reste meines Vorabend-Make-ups sind doch, kulant betrachtet, noch halbwegs brauchbar.“ Und auch das Treffen mit deinem Kleiderschrank dauert kürzer, als nötig. Da tut es dann auch mal der sackförmige Kapuzenpullover mit dem Tomatensoßen-Fleck auf der Brust.

So. Liebes Menschenkind. Hier lag der Fehler:

Was du nicht beachtet hast, war, dass heute der Tag war, auf den du bereits seit sechs Jahren gewartet hast. Nur konntest du das vorher freilich nicht wissen. Erinnerst du dich? Als du einst die bürgerliche Kleinstadt inklusive Mutti verlassen hast und alle dich auf deiner Abschiedsfeier groß feierten, verkündetest du stolz: Ich ziehe hinaus in die große Stadt und werde Matthias Schweighöfer zum Mann nehmen! Darauf ein Prost und ohrenbetäubendes Gejohle deiner Freunde, weil alle so daran glaubten, dass du genau das erreichen wirst…- nicht. Klingt nach Demütigung? Du hast keine Vorstellung!

Und hier sind die feierlichen Konsequenzen:

Du triffst vorm Club, in dem sich deine hübsche, einsame Jacke befindet, ein und wirst durch die Menschen, vor denen du dich gestern Abend richtig zur Palme gemacht hast und die zu allem Überfluss aus o.g. Heimat entstammen auf dem Hof begrüßt. Kapuze ins Gesicht ziehen, schnell im Club verschwinden. Vielleicht hat dich keiner gesehen. Im Club angekommen wirst du nicht nicht einfach die nette Dame vom Büro antreffen, sondern eine Mittvierziger finnische Rockabilly Band, die deinen Auftritt, wie auch deine Präsenz herzergreifend empfindet und dich zum erneuten Saufen anstiften will. Du kannst geradeso entkommen und verirrst dich in all den Fluren, in die man als normaler Abendgast keinen Zutritt hat. 12 Stunden verspätet gibst du dein Garderobenmärkchen ab und versuchst verzweifelt, den Weg nach Draußen zu finden. Zwei Alarmanlagen später erwischst du vielleicht die richtige Tür und erstrebst dir deinen Weg ins Freie. Schnell in die Tram. Starker Brechreiz macht sich breit, aber wenigstens ist es warm. Noch fünf Minuten, ehe die Bahn losfährt. 300 Sekunden, um sich an einen besseren Ort und in ein besseres Leben zu wünschen. Doch, liebes Menschenkind, das Leben ist erbarmungslos. Nach 120 Sekunden gesellt sich ein Sitznachbar zu dir und konfrontiert dich schmerzlich mir deiner unattraktiven, versifften Existenz. Dein Ehemann in spe, so denkt zumindest deine Mutti, setzt sich neben dich. Fein. Matthias Schweighöfer setzt sich neben dich. Sechs Jahre lang hast du seine Videothek gestalkt, stets in nuttigem Outfit, versteht sich und nie ist er aufgetaucht. Heute war es dir Latte, wie du ausschaust. Und jetzt sitzt er neben dir und du bist dir sicher, dass er die Nase rümpft un d überlegt, wo der strenge Geruch eigentlich herkommt. Bloß schnell noch tiefer im Kragen des Pullovers verschwinden. Ok. Du wrist deiner Mutter und deinen heimatlichen Freunden mitteilen müssen, dass sich das mit der Traumhochzeit mit Herrn Schweighöfer erledigt hat. Bloß gut, du hast noch Florian David Fitz… (heißt der so?)… naja, der Typ aus der RTL-Serie Doctor’s Diary. Der ist auch ganz gut. Und der hat deinen mäßig glänzenden Auftritt soeben nicht mitbekommen. Neue Chance, neues Leben, neues Glück. Am Umsteigepunkt verlässt du die Tram (Matthias Schweighöfer hatte zuvor bereits den Sitzplatz gewechselt. Vermutlich hatte der Tomatensoßenfleck auf deinem rechten Mops bereits Schimmel angesetzt). Die Tram zu verlassen erschien dir wie ein Eintritt in ein neues Leben. Heute beginnt der Rest deines Lebens. Der GUTE Rest deines Lebens. Einfach nur, indem du in die nächste Tram einsteigst. Und es beginnt vielversprechend: Du bekommst einen Sitzplatz in der sonst so überfüllten Linie. Fantastisch! …. doch dann gesellt sich ein weiterer Sitznachbar neben dich. Florian David Fitz. Unmöglich, wirst du sagen. Es klingt auch zu abstrus um wahr zu sein. Aber offenbar beginnt der Rest deines Lebens erst später. Also, der gute Rest. Dies jetzt ist einfach nur scheiße. Aber, liebes Menschenkind, eine singuläre Demütigung wäre wohl nicht genug gewesen.
Ich starre den Mond weiter an, grinse ihm dämlich in die Visage und stelle fest, dass mein Ausgeh-Schlüpper noch immer klamm ist. Noch habe ich drei Stunden, um mein Werk zu vollenden. In Erinnerungen an die letzten 48 Stunden schwelgend fühle ich mich plötzlich, aus ungeklärter Ursache, nicht mehr sooo erbärmlich. Dann stelle ich den Föhn noch ein wenig heißer.
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