Drama, Baby.

Valerie hatte einen schlechten Tag. Einen wirklich schrecklich schlimmen Tag. Sie hatte es ja schon im Gefühl, als sie am Morgen einen Zeh aus dem Bett gestreckt hatte. Nein, eigentlich wusste sie es bereits in jenem Moment, als der Wecker klingelte und sie die vom Schlaf verklebten Augen öffnete.
Der Platz neben ihr im Bett war leer, wie schon seit Monaten. Grund genug, den Tag mit einer gehörigen Portion Welt- und Menschenhass zu begrüßen. Die Situation wurde nicht besser, als Valerie merkte, dass ihre Lieblingshose schmutzig war und ihr schönster Pullover über der Brust spannte. Hatte sie ihn etwa zu heiß gewaschen? Oder war sie nur einfach wieder ein bisschen dicker geworden in letzter Zeit? Das wird es sein! Dabei hat sei doch gestern nur einen Salat gegessen – das war ja praktisch Nichts! Schlimm genug, dass sie den faden, trockenen Geschmack nur mittels einer Fülle Joghurt-Dressing, Croutons, Thunfisch, Schinken, Käse und Ei ertragen konnte. Aber das ist doch Nichts! Da ist keine Schokolade und keine Sahne dabei, also ist es gesund! Salat ist überhaupt sehr gesund, man kann soviel davon essen, wie man möchte! So auch Valerie. Und Valerie muss viel essen, um endlich satt zu werden.
Dennoch, das kann nicht der Grund für den spannenden Pullover sein. Die Waschmaschine hatte ihn ganz sicher heißer gewaschen, als sie sollte. Sie war wütend auf dieses schäbige, alte Ding und versetzte ihm während der Morgenhygiene einen ordentlichen Tritt.
Die ohnehin schon lebensverneinende Gemütslage erreichte eine höhere Stufe, als es darum ging nach dem reichhaltigen Frühstück aus verdauungsförderndem Nikotin und Koffein das Haus aufgrund des Tagesgeschäfts verlassen zu müssen. Man muss schon was tun fürs Geld – würde Valerie gerne sagen. Doch für diesen Teil ihrer täglichen Beschäftigung muss sie stattdessen auch noch eine beachtliche Stange Geld zahlen! Ein halbes Vermögen dafür, dass sie rumsitzen, Interesse heucheln und jede Menge lernen musste. Valerie war Studentin. Studentin aus Leidenschaftslosigkeit. Sie hatte vor Jahren eine Fachrichtung, die sie eigentlich überhaupt nicht tangierte, erwählt. Aber man sprach von einem simplen Studiengang mit anschließenden, guten Berufsaussichten. Eigentlich wäre Valerie, von Berufs wegen, liebend gern Vatis Tochter gewesen.
Sollte Gott existieren, ist er ein sarkastischer Arsch, denn er hat Valeries eigentliche Bestimmung zunichte gemacht, indem er sie in eine Familie gesetzt hat, in der Reichtum eine ewig akute Mangelerscheinung war. Dafür wurden aber Liebe und Fürsorge groß geschrieben. Unerträglich, denkt Valerie. Eigentlich hat man ihr schon am Tag ihrer Geburt keine faire Chance gegeben. Und danach irgendwie auch nicht. Diesen Umständen zum Dank muss sie nun dieses dröge Studium bestreiten. Weil die Eltern der festen Überzeugung waren, dass Valerie mit einem Diplom ein sorgenfreies Leben wird führen können. So verkauften sie kurzer Hand den kümmerlichen Fernseher und verpfändeten Vaters geliebte Briefmarkensammlung.
Valerie war sich sicher, dass man nur deshalb so großzügig zu ihr war, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Das aber würde sich Valerie nicht gefallen lassen. Nun gut, die Eltern mussten Abstriche am ohnehin schon minimalem Lebensstandard machen, aber was so ein Studium für Valerie bedeutete, hatte ja auch niemand bedacht. All der Stress, der Druck, die Arbeit und die Mühe, die sie täglich auszuhalten hatte. Unvorstellbar. Zu allem Überfluss war niemand in der Lage, Valerie das bisschen Luxus verschaffen zu können, was ihr Dasein lebenswerter gemacht hätte.
So musste sie einen Nebenjob antreten – unwürdig, demütigend. Zwei Mal in der Woche füllte sie im benachbarten Supermarkt Regale auf. Als Valerie nach getaner Schwerstleistung ihren Arbeitskittel abstreifte und sich auf den Weg machte, die hundert Meter Heimweg in Angriff zu nehmen, beschloss sie – kaputt und fertig wie sie war – sich am morgigen Tag eine Krankschreibung zu erobern. Zwei oder drei Wochen Urlaub wären vorzüglich. Sie musste einfach mal runterkommen. Ein solches Pensum war einfach nicht zu schaffen. Denn Valerie war zwar überarbeitet, aber damit erschöpfte sich ihr Leidens-Potential nicht.
Valerie war außerdem zutiefst traurig. Ihr ganzes Leben erschien ihr sinnlos, weshalb sie es für eine gute Idee bafand, mehr Zeit zu haben, um sich des Elends bewusst zu werden, in dem sie lebt.
Valerie lebt am Existenzminimum. Sie kann gerade mal so ihre kleine, gemütliche (mit der verräterischen Waschmaschine bestückte) Wohnung zahlen. Ein paar Mal im Jahr kann sie sich ein begehrtes Kleidungsstück zulegen. Hin und wieder kann sie mit ihren Freunden ausgehen. Ansonsten gab es nur Drehtabak, Discounter-Nahrung und Billig-Shampoo. Kann das wirklich schon alles gewesen sein?
Erst gestern saß Valerie mit ihren Freunden bei einem schicken Essen, zu dem sie geladen wurde. Beim Verzehr von Wein und Käse prophezeiten ihre Freunde ihr eine glorreiche Zukunft und eine steile Karriere nach Abschluss des Studiums. Diese These beschränkte sich auf eine jämmerliche Argumentationsstruktur. Schlimm genug, dass Valerie mit diesen Menschen an einem Tisch sitzen musste. Diese Menschen, die ein teures Essen auslegten, weil sie selbst dazu nicht in der Lage war. Das ist Hohn, Valerie fühlte sich, als habe man ihr ins Gesicht gespuckt. Da sitzen all diese selbstgefälligen, sogenannten Freunde und demonstrieren ihr Beziehungsglück und ihre finanzielle Unabhängigkeit.
Dieser ganze Abend sollte lediglich dem Zweck dienen, Valerie zu zeigen, was sie alles nicht hat. Da war sie sich sicher. Geld hatte sie keines und zudem war sie verfolgt von chronischem Unglück in Sachen Liebe. Es grenzt nahezu an Frechheit, dass stets nur jene Männer an Valerie interessiert waren, die entweder hässlich, arm oder mit einem erschreckendem Mangel an Intelligenz ausgestattet waren. In manch einem hartnäckigem Fall sogar alle drei Faktoren auf einmal. Da hatte es auch keinen Wert, dass manche unter Valeries Verehrern liebevoll und gutherzig waren. Denn sie präferierte andere Exemplare männlichen Daseins. Und zwar jene, die an einer Frau eine anorektische Figur und offensichtliche Schönheit schätzen.
Valerie passt nicht in dieses Raster.
So sehr sie sich auch bemühte, der Salat würde ihr niemals die überflüssigen Pölsterchen um die Hüften herum nehmen. Der Geheimvorrat an fett- und zuckerhaltigen Süßwaren war auch nicht schuld. Nach gelegentlichem, massigen Verzehr landete all das rückwärts genascht in der Kloschüssel. Immer. Auch um ihre objektive Schönheit scheint es nicht all zu berauschend zu stehen. Klar, ihre beliebigen, wertlosen Verehrer schwärmen stets von ihrem wallenden Haar und ihrem einnehmenden Lächeln. Ihre Freunde bemerken regelmäßig die Schönheit ihrer leuchtenden Augen.
Valerie fühlt sich schön und hässlich zugleich. Doch letzten Endes würde sie sich immer abstoßend finden, denn genau das ist die Reaktion, die sie bei den von ihr verehrten Männern immer wieder erwirkte. Ein weiterer Grund zur Traurigkeit. Eine langwährende Geschichte, die sich erst vor drei Monaten wieder bestätigt hatte.
Nach eigener Aussage war Valerie noch niemals so verliebt gewesen, wie in Jörg. In all seinen Äußerungen zeigte er sich smart und er war, wenn man seinem Profilbild in einem sozialen Netzwerk Glauben schenken durfte, wunderschön. Tagelang stand sie mit ihm in Kontakt, beinahe rund um die Uhr. Man tauschte Sorgen, Wünsche und Ängste aus. Ehe er eines Tages, in Valerie eine gute Freundin wägend, offenbarte, dass er es jüngst für eine gute Idee befunden habe, seine Arbeitskollegin zu vögeln und zu allem Überfluss daran auch noch Freude zu verspüren.
Valerie war hart im Nehmen. Sie wies Jörg auf etwaige berufliche Komplikationen hin, um daraufhin offline zu gehen laut zu weinen. Sie war sich dieses Mal so sicher gewesen, ihre wahre Liebe gefunden zu haben. Den Mann ihres Lebens, der sie bedingungslos lieben und wie eine Prinzessin behandeln würde. Noch bei keinem Mann zuvor hatte sie so viel gefühlt, als ihre Finger flink über die Tastatur huschten, nur um ihm einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Da war Nähe, Vetrautheit und – ganz ganz offensichtlich – tiefe Liebe. Beiderseitig.
Valerie wusste es einfach, auch wenn ihre verräterischen und missgönnenden Freunde sie auf ein akutes Defizit an persönlichen Treffen mit ihm hingewiesen hatten. Sie war böse auf ihre Freunde. Sie verstanden Valerie einfach nicht. Und sie waren neidisch auf das Glück, welches Jörg ihr eine ganze, traumhafte Woche lang verschafft hatte. Weil sie alle in ihrem monotonen, langweiligen Leben in jahrelangen Beziehungen und Arbeitsalltag davon träumen, einmal so gefühlt zu haben, wie Valerie. Sie würden es nie verstehen. Sie waren sowieso nur mit sich selbst beschäftigt. Meldeten sich bestenfalls einmal in der Woche, um nach Valeries Wohlbefinden zu fragen. Das war zu wenig! Kaum eine wirkliche Freundschaft in Valeries Augen. Und diese These bestätigte sich noch am selben Abend.
Valerie war überwältigt von ihren Sorgen und ihrem Leid. Außerdem vermisste sie Jörg, wie sie es am ersten Tag schon getan hat. Sie war traurig, einsam und weinte. Wen sollte man da anrufen, wenn nicht die beste Freundin? Dafür sollten Freunde doch eigentlich da sein. Aber schon nach einer Stunde Seelenstriptease brach Melanie, besagte beste Freundin, das Gespräch mit fadenscheinigen Ausreden ab.
Valerie blieb einsam mit ihren Tränen, der Flasche Perlwein in der einen, dem tutenden Telefon in der anderen Hand zurück. Wie ungeheuer egoistisch und ignorant von Melanie! Eigentlich hat sie keine Sorgen! Zumindest keine aktuellen. Der plötzliche Tod ihres Vaters lag bereits Monate zurück und auch ihre Fehlgeburt sollte längst psychisch ausgestanden sein.
Außerdem: Ersteres bescherte ihr ein solides Erbe, dank dem sie künftig wohl kaum mit finanziellen Sorgen zu kämpfen hat. Und auch die Fehlgeburt war nur ein Zeichen dafür, dass sie überhaupt jemanden hatte, von dem sie schwanger werden konnte.
Valerie hingegen war alleine und arm. Kein Erbe und kein Mann, der mit ihr Sex haben möchte. Zumindest kein Mann, mit dem sie selbst gerne Geschlechtsverkehr praktizieren würde. Wer hatte nun die wahren Sorgen? Ein vermögender, geliebter Mensch? Oder Valerie?
Wenn Melanie ihren Sorgen nicht lauschen wollte … ja, dann war die Freundschaft nichts wert. In ihren schwersten Zeiten wäre Valerie sicherlich für Melanie da gewesen, aber dieses introvertierte Weib war ja nicht willens, sich zu offenbaren. Das war nicht Valeries Schuld. Sie konnte nichts dafür.
Fick dich, Melanie. Dachte Valerie. Und innerhalb von Sekunden stand Melanie nach zwanzig Jahren Freundschaft in Sachen Wertigkeit auf der selben Stufe, wie ein bösartiger Herzensbrecher und eine hinterhältige Waschmaschine.
Alles auf der Welt hatte sich gegen sie verschworen, dessen war sich Valerie absolut sicher. Und auch in Zukunft würde es niemals anders werden. Sie würde allein bleiben, dick, ärmlich, ohne Mann und Freunde. Wahrscheinlich würde Valerie ohnehin nicht alt werden. Sie hat an ihrem Ohr einen merkwürdigen Knubbel. Wahrscheinlich war es Krebs. Eine Metastase. Das musste es sein. Sie hatte doch schon so lange Kopfschmerzen. Der blaue Fleck am Arm ist wahrscheinlich auch kein Zeichen eines Stoßes, sondern der Beginn der inneren Verwesung und Fäulnis.
Die Erkenntnisse überschlugen sich. Alles brach über Valerie zusammen, all ihr erfahrenes Leid. Die Tränen strömten ihr über das Gesicht, sie schrie, weinte und fand sich schmerzverzerrt auf dem Boden liegend wieder. Für einen kurzen Moment erstarrt sie, weil sie sich sicher war, dass man so viel Schmerz nicht überleben kann. Niemals zuvor hatte jemand solchen Schmerz verspürt und konnte danach weiterleben. Unmöglich. Valerie nippte an der Weinflasche. Plötzlich ganz ruhig und gefasst. Noch in dieser Nacht würde das Elend sie dahin raffen. Valerie zitterte und musste sich jemandem mitteilen.
Unter abnehmenden Pegel zweier weiterer Weinflaschen verkündete sie ihre Weisheit erst telefonisch bei Tina, dann während eines Besuchs von Claudia (die einen Liter Schokoladeneis als Seelenbalsam mitgebracht hatte) und dann wieder telefonisch bei Stefanie. Währenddessen schaute Valerie hin und wieder auf ihr Handy. Zwei SMS von ihrer Mutter. Valerie solle sich melden. Die Eltern hatten für das kommende Wochenende ein Familientreffen mit Nudelauflauf geplant. Valeries Leibspeise. Dann vier Anrufe in Abwesenheit von Melanie. Aber Melanie ist für Valerie gestoben.
Zumindest bis morgen, wenn sich die Seiten wenden. Denn morgen wird Valerie auf dem Weg zum Arzt sein. Zwecks Krankschreibung. Musik über die Kopfhörer. Tragische Musik einer tragischen Band, die Valeries Gefühle besser in Worte fassen kann, als sie selbst es je vermochte. Endlich Verständnis – da kann man glatt die gesenkten Schranken des Bahnübergangs übersehen.
Eine Stunde später würde auch Melanie endlich eintreffen. Ohne die nötige Entschuldigung wegen des Fehlverhaltens vom Vorabend – dafür mit reichlich Tränen. Nun gut, zu Recht! Soll sie nur ein schlechtes Gewissen haben, sie hat es verdient. Warum zur Hölle sind meine Eltern da? Claudia? Stefanie? Und was will der vertrottelte Sven hier? Ich wollte vergangene Woche seinen Blumenstrauß nicht und auch jetzt nicht. Warum heulen die alle? ICH hab hier Grund zum Heulen. 
Melanie würde wortlos zu Boden sinken und die Überreste von Valeries Gesicht streicheln. Und immer noch weinen. Immer noch eine Entschuldigung. Typisch Melanie. Immer geht es nur um Melanie. Was ich zu sagen habe, hat noch nie jemanden interessiert. Ich war noch nie wichtig. Läge meine Hand hier drüben bei mir und nicht dort bei meiner Tasche und meinem Herz – ich schwöre – ich hätte sie geohrfeigt.
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