#3 – Reinkarnation des Bösen

Ich liege auf meinem Bett und bin missmutig. Ich werde endlich mal das tun, was ich mir schon so lange vorgenommen hatte. Ich werde in einen Club gehen! Olé! Doch die Motivation hält sich derzeit in Grenzen. Ich schaue an meinem halbbekleideten, immerhin frisch geduschten Körper hinunter, schlage mit der flachen Hand auf meinen Bauch und zähle die Sekunden, bis der Speck aufhört, Wellen zu schlagen. Viele Sekunden. Zu viele Sekunden. Also ein Sweatshirt und kein anzügliches, rückenfreies Top. Wie gerne hätte ich die Disziplin, eine Diät länger als zwei Tage durchzustehen… oder die realistische Auffassungsgabe, dass Butter und Sahne eher weniger in ein ausgeklügeltes Ernährungskonzept zur Gewichtsabnahme passen.
Gekleidet in einem äußerst dekorativem Sack-Verschnitt Oberteil und Schal, der mit ein bisschen Glück den Ansatz meines Doppelkinns verbergen würde, betrat ich das Etablissement und fühle mich ein wenig unwohl. Ich stehe in einer Menge tanzender, sich profilierender Menschen. In einem Raum, in dem offenbar das allgemein auferlegte Rauchverbot nur als Empfehlung, nicht als Verpflichtung verstanden wurde. Natürlich stört mich zumindest letztgenannter Umstand nicht im Geringsten. Erspart mir den Weg in den Raucherbereich und die Möglichkeit, das kürzlich verspeiste, natürlich viel zu fettige Abendessen abzutrainieren. Widerwillig verspüre ich, dass ich die Augen weit nach einem potentiellem Opfer geöffnet habe. Wo in diesem Laden läuft ein Typ herum, der wahllos und verzweifelt genug ist, ein bisschen mit mir herumzuknutschen. Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich stehe nicht hier, um mein kürzlich gewähltes Deluxe-Menü in Empfang zu nehmen. Ich suche nur nach einem bisschen Ego-Balsam. Wilde Knutscherei auf der Tanzfläche. Animalisch, wild und ganz schnell zu vergessen. Nichts von Bedeutung, aber gut fürs Ego!
Fehlanzeige. Leider.
So sehr ich auch den Hals verrenkte, nichts genügte meinen in diesem Moment ohnehin schon kaum vorhandenen Ansprüchen. Und die einigen wenigen, mit denen ich mich hätte abfinden können, hingen schon an und in den Lippen vollbusiger, overstylter Frauen. Niemand, an dem ich mein kümmerliches Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Ernüchtert und wie auch sonst so oft, halte ich mich zur Stütze an meinem überteuertem alkoholischen Erfrischungsgetränk fest.
So weit ist es also schon gekommen. Ich bin verzweifelt! Krampfhaft auf der Suche nach einem willigen, halbwegs attraktiven Mann. Nicht die beste Ausgangssituation, um ein Erfolgserlebnis anzusteuern. So viel hatte ich durch das lehrreiche Gequatsche meiner Mutter bereits gelernt. Diese Erkenntnis reicht aus, um noch ein wenig missmutiger auf den Boden zu starren. Nicht einmal die freundschaftliche Schmeichelei eines Freundes konnte meinem Gefühl Abhilfe verschaffen. Ebenso wenig wie das seit ewig vorhandene Kuschelbedürfnis seinerseits und auch lieber Freundinnen. Verlorene Mühe.
Sowohl Motivation, als auch Verzweiflung steigen mit der Anzahl konsumierter Biere. Anspruch und Würde sinken hingegen mit jedem einzelnen Schluck. Es kostet mich deutliche Anstrengung, den an diesem Punkt für gewöhnlich auftretenden Silberblick zu unterbinden. Den Blick der Augen bei einem solchen Betäubungszustand parallel zu halten, hat ungemeine Einschränkung einer klaren Sicht zur Folge. An der Bar stand ganz offenbar ein Typ. Nicht groß, nicht schön und unendlich weit von meinem Dessert-Mann á la carte entfernt. Die Verzweiflung und nicht zuletzt auch das positive Zureden seitens Freunden bringt mich dazu, mich auf das einzige anwesende, mögliche Opfer zuzubewegen. Dann stehe ich vor ihm. Mir ist ein wenig schlecht. Ich versuche einen willkürlichen Punkt seines Gesichts zu fixieren, um aufmerksam zu wirken. Ich hab keine Ahnung, was ich ihm sagen soll. Gleichzeitig spüre ich die Blicke meiner Lieben im Nacken, die wahrscheinlich ebenso gespannt sind wie ich, ob diese Verzweiflungstat belohnt werden würde.
Ich fasse mich kurz. Sie wurde nicht belohnt. Ich starrte dem Kerl vermutlich einige Minuten dämlich ins Gesicht, zwischendurch überlegte ich, ob er nicht aussah wie der Sänger einer Band, die ich von Herzen verabscheute. Ich säuselte etwas fadenscheiniges und ich merkte schon sehr bald, dass bei ihm nicht einmal aus Mitleid was zu machen wäre. Welch Blöße! Glücklicherweise war seinerseits noch genug Mitleid vorhanden, um mir wortkarg einen Jägermeister in die Hand zu drücken….
… ich öffnete die Augen. Wo war ich bloß? Offenbar in einem der ach so komfortablen Berliner U-Bahnen. Das war alles was ich zu diesem Zeitpunkt sagen konnte, alles, was ich mir auch nur aufgrund der erschlagenden Tatsachen zusammenreimen konnte. Wo waren die letzten Stunden? Wie viel Uhr war es überhaupt? Umständlich fummelte ich mein Handy aus der Tasche, das sich glücklicherweise noch an seinem gewohntem Platz befand. Halb Sechs am Morgen. Okaaaaay. Mir waren tatsächlich ein paar Stunden abhanden gekommen. Mein Leben switchte offenbar zwischen Zeit und Ort. Nach nur einem (gefühlten) blinzeln war der Typ (Gott sei Dank!), dafür aber auch der Jägermeister und die wärmende Umgebung des Clubs.
Nur die Ruhe. Meinen offensichtlich nicht missbrauchten Körper und meine nicht geplünderten, mitgeführten Habseligkeiten vom Sitz erheben, mal schnell einen Blick auf das öffentliche Verkehrsnetz via Karte an der Decke werfen. Wo war ich überhaupt? Als könnte die mechanische Stimme der U-Bahn Gedanken lesen, murmelte sie unverständlich den Namen der nächsten Haltestelle, von der ich sicherlich noch niemals in meinem Leben gehört hatte. So langsam setzte die Panik ein. Oh mein Gott. Wo war ich? Wie lange war ich schon hier? Und wie zum Teufel bin ich hier gelandet??? Wieder zückte ich, jetzt schon koordinationssicher, das Handy und wählte die Nummer meines Mitbewohners. Im Prinzip war es mir ziemlich egal, dass er in einer Stunde schon aufstehen musste und wahrscheinlich gerade von Schnitzel und/oder schönen Frauen träumte. Sein Handy war wohl eingeschaltet, aber er ging nicht ran. Dies unterstützte meine These über seine schönen Träume und ich war mir sicher, dass er einfach ignorierte, dass ich ohne Begleitschutz keine reelle Überlebenschance hatte.
Sicherheitshalber begann ich also hysterisch zu weinen. Mein aufwendig angekleistertes Make-Up verlief in meinem Gesicht. Wieder eine Situation, in der ich mir die Anonymität der Großstadt gelobte. Armselig heulende Frauen in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, die nach einer ganzen Destillerie stinken, sind in Berlin keine Seltenheit. Keine Panik. Ich werde einfach an der nächsten Haltestelle aussteigen und mich orientieren. Und dann würde ich den Weg nach Hause suchen. Kein Problem. So was passierte mir schließlich nicht zum ersten Mal. Der Schreck und die Hysterie vertrieben alle betrunkenen Gefühle aus meinem Kopf ins Nirgendwo. Ich war plötzlich stocknüchtern. Hilflos, erbärmlich und unkontrolliert selbstmitleidig zwar, aber stocknüchtern. Unbeholfen stolperte ich aus der Bahn, als sie im nächsten Bahnhof einfuhr. Durch die Tränen war ein klares Sichtfeld natürlich utopisch, aber ich fand endlich ein Schild, auf dem der Name der Haltestelle stand. Da stand der Name eines mäßig bekannten Neurologen. Offenbar war eine hier befindliche Institution nach ihm benannt worden. Eine Nervenklinik. Es ist halb sechs am Freitag morgen und ich bin orientierungslos an einer Nervenklinik gestrandet. Mit weit aufgerissenen, verheulten Augen stand ich vor dem Schild. Ich überdachte mein Karma. Was hatte ich nur getan, damit ich DAS verdient hatte? Was war ich in meinem früheren Leben, dass ich solche Situationen mit einer beeindruckenden Treffsicherheit an mich zog? Ich kann garantieren, die Treffsicherheit beschränkte sich auf Situationen wie diese. Kein Anzeichen von Treffsicherheit beim Wählen der Lottozahlen. Wäre dies der Fall, hätte sich das von mir angestrebte Menü Mann anders gestaltet.
Nun ja, wie dem auch sei… Grund genug, die Hysterie noch ein wenig weiter hochzufahren und noch erbärmlicher zu weinen. Es befand sich kein einziger Mensch auf dem Bahnsteig, den ich hätte fragen können, wo genau diese Nervenklinik überhaupt war. Mein Leben ist ein Spielfilm. Ich rannte also weinend und mit wehendem, verzottelten Haar in Richtung Ausgang aus dem unterirdischen Bahnhof. Von der Melodie (der Soundtrack meines Lebens) im Kopf möchte ich gar nicht reden. Diesmal glich sie einer Begräbnis-Hymne, oder zumindest einer Schiffs-Sink-Melodie. Unmittelbar nachdem ich den Bahnhof verließ stolperte ich über eine Bushaltestelle. Bus fahren. Seeehr gut. Ich war kurz geneigt, meine Meinung über mein Karma zu ändern, als dort wie aus Geisterhand plötzlich ein Bus auftauchte. Das hysterische Weinen wich für einem kurzen Moment einem krankhaftem Lachen. Der Busfahrer öffnete die Tür.
„Fährt der hier zum Alexanderplatz???“ fragte ich, mit dem Glanz kleiner Kinder zu Weihnachten in den Augen.
Er sah mich abschätzend an.
„Nee.“
„Wie komme ich denn zum Alex???“ fragte ich weiter, jegliche Hoffnung hat sich bereits im Nichts aufgelöst.
„Na, mit de U-Bahn“ antwortete er mir mit der nonchalanten Berliner Höflichkeit. Dann schloss er schnellstmöglich die Tür. Und verschwand mit samt seinem Gefährt in der Dunkelheit. Ich blieb verstört zurück.
Wieder fragte ich mich, womit ich das alles nur verdient hatte. Diesmal gab ich mir selbst, erstaunlich schnell, eine Antwort. Als ich bedrückt auf dem Weg zurück zur U-Bahn war, sah ich die Antwort in der Spiegelung einer Autoscheibe. Mein schwarzes Augen-Make-Up hatte sich durch meinen emotionalem Anfall dekorativ bis an mein Kinn verteilt. Noch immer hatte ich zahllose Tränen im Gesicht und in meinen Augen. Und ich stand an der Haltestelle, die das Wort „Nervenklinik“ im Namen trägt. Vermutlich glaubte der Busfahrer eine waschechte, ausgebrochene Suizidgefährdete vor Augen zu haben. Ich hätte mich tendenziell auch nicht mitgenommen.
Die nächste Bahn kommt in 15 Minuten. Genug Zeit, um herauszufinden, dass ich ursprünglich, wann auch immer, in die richtige Bahn gestiegen war. Ich hätte, wenn ich ein unkompliziertes Leben bevorzugen würde, nur zwei Stationen fahren müssen. Im Endeffekt bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht die gesamte Strecke der U-Bahnlinie mittlerweile hin, zurück, wieder hin und weit darüber hinaus gefahren war. Ich wählte im Handy zum sechsten Mal die Wahlwiederholung, als ich mich endlich auf dem richtigen Weg nach Hause befand. Mein Mitbewohner ging schlaftrunken ans Telefon. Welch Glück! Eine vertraute Stimme! Das Gefühl überwältigte mich und ich musste schon wieder weinen. Ich schilderte ihm mein Leid, in allen Einzelheiten. Er schien nicht so genervt, wie ich es an seiner Stelle gewesen wäre. Er versprach auf mich zu warten, wenn ich ihm unterwegs ein gesundes Burger-Frühstück organisierte. Ein Preis, den ich zu zahlen bereit war, wenn ich nur nicht in die dunkle Wohnung fallen müsste, ohne das mir jemand ein tröstendes Wort spenden könnte.
Ich ignorierte die Tatsache, dass ich beim Burgerladen unglücklicherweise ein bekanntes Gesicht traf, dass sich über meinen eigenwilligen Schmink-Stil lustig machen konnte. Ich ignorierte auch, dass meine Anschluss-Tram mir erst Stationen zu spät gestattete, den Zug zu verlassen. Während ich mit den soeben auskühlenden Burgern unter dem Arm durch den Schnee nach Hause stampfte, stellte ich zur Mehrung meines Unmuts fest, dass meine Zigaretten leer waren.
Was war ich nur in meinem früheren Leben? Meine Arbeitskollegen vermuteten, dass ich die Reinkarnation eines russischen Diktators war. Vielleicht haben sie recht.
Advertisements

2 Antworten zu “#3 – Reinkarnation des Bösen

  1. Ich bin wirklich begeistert. Nicht nur von dem 3. Teil deiner Jogginghose – nein, ganz allgemein. Soweit ich das sagen kann, hab ich jetzt alle deine Kurzgeschichten gelesen und bin wirklich einfach nur begeistert. Die Art, wie du schreibst fasziniert mich und auch deine Handlungen haben‘ s ganz schön in sich. Ich hoffe sehr, ich bekomm in Zukunft noch mehr von dir zu lesen. 🙂

    • Hallo!
      Es ist lange her, seit du geschrieben hast! Und es ist leider auch lange her, seit ich selbst geschrieben habe. Nun habe ich endlich wieder Zeit, mich aufs Texten zu konzentrieren. Ganz bald kommt was Neues und ich hoffe, du kommst wieder und liest fleißig weiter!
      :*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s