#2 – Der königliche, blutsaugende Arzt

Vor der Trennung wusste ich eines ganz genau: Boa, ich hab so Bock auf das Single-Dasein! Keine Verantwortung, unendliche Freiheit zu tun, was ich tun möchte. Die Welt lag mir und meinen bescheidenen studentischen Einkünften zu Füßen. Ich musste nur hinaus in die Welt und irgendwo würde ich mein Glück finden. Das Glück sitzt betrunken in einer Ecke und wartet sehnlichst auf mich!
In der Realität sieht es leider etwas anders aus. Nüchtern. Natürlich im übertragenen Sinn, denn nüchtern war ein Zustand, den ich in den ersten Wochen als alleinstehende, karriereorientierte, wenn auch derzeit motivationslose Frau nur selten erreichte. Auch ist mir der Tausch Jogginghose gegen sexy Outfit bisweilen nicht gelungen. Keine Sorge. Es ist keineswegs so, dass ich keine Beschäftigung hatte. Ich floh in alle nur erdenklichen Parallelwelten. Ablenkung, irreales Leben.
Zum Beispiel hatte ich angefangen, ein Rollenspiel auf dem PC zu spielen. Ich erstellte mir als Charakter eine bildschöne, amazonenhafte Dame. Makellos. Stählerner Körper, leuchtend grüne Strahleaugen und modische Frisur. Kurzum: Ich erschuf das genaue Gegenteil meines Spiegelbilds. Ich schuf das Ich, das ich sein könnte, wenn ich die nächsten Jahre tagtäglich ins Fitnessstudio gehe, gefärbte Kontaktlinsen trage und unendlich viel Geld in diverse Schönheitsoperationen investiere. Ich erschuf mein Möchtegern-Ich. Und mit diesem Möchtegern-Ich schlachtete und enthauptete ich in diesem „Ab 18“ Spiel reihenweise Untote. Mein Möchtegern-Ich war so bezaubernd und einnehmend, dass es natürlich nicht lange dauerte, ehe ein armes Würstchen diesem Charme erlag. So begann eine Beziehung mit meinem Begleitcharakter. Da es sich, wie ich ausdrücklich hinzufügen möchte, nicht um ein Online-Rollenspiel handelte, war der neue Prinz rein virtuell. Weit über 60 effektive Spielstunden hatte ich die zärtlichste Liebesbeziehung mit ihm und ich machte mir nicht einmal Sorgen, als das reale Ich vorm Bildschirm Schmetterlinge im Bauch bekam, wenn Alistair mir die süßesten Dinge ins Ohr flüsterte.
Meine Leidenschaft zu diesem Spiel fand allerdings ein jähes Ende, als Alistair gegen Ende des Spiels unerwartet mit mir Schluss machte. Er rechtfertigte es mit seinen königlichen Pflichten… schließlich müsste er einen männlichen Erben in die Welt setzen. Offenbar erschien ich ihm nicht als geeigneten Fortpflanzungspartner. So verließ er mich. Ich habe das Spiel nicht mehr zu Ende gespielt. Ich war verletzt und fühlte mich betrogen. Ich wollte ihn nicht mehr sehen.
Eine andere Obsession musste her, um den neuen Trennungsschmerz zu betäuben. Glücklicherweise war ich anfällig für jegliche Art von Blödsinn. So lag ich eines Tages mit Kehlkopfentzündung auf der Couch und tat mir, wie auch sonst so oft, leid. Mein liebreizender Mitbewohner umsorgte mich mit Käsemaccheroni und bot sich heldenhaft an, mir zu Ablenkung nette Filme aus der Videothek zu organisieren. Er kam mit der ganzen Trilogie einer widerlich schnulzigen Vampir-Saga an. Mit jener Vampir-Saga, gegen die meine Person und die meisten anderen volljährigen Menschen sich so viele Jahre erfolgreich wehren. Ich war krank, auf Antibiotika und wohl nicht ganz bei Sinnen… oder vielleicht auch einfach masochistisch genug, um mir alle drei Teile hintereinander reinzuziehen. Erstaunlicherweise fand ich Gefallen an der Geschichte, auch wenn die Scham darüber nicht zu ignorieren war. Ja, ich war sogar regelrecht begeistert, so, dass ich mir alle drei Teile in Buchform organisierte und zusätzlich den letzten, bislang unverfilmten Teil. Geschätzte 2400 Seiten lang übertrieben romantischer Herzschmerz, Verzicht auf vorehelichen Sex, unendlich viel Gefühl und ein Happy End wie aus einem Märchen…
Ich hätte auch gerne einen Vampir als Freund. Das wäre wirklich cool. Nach der Trennung meines Rollenspiel-Partners erschien mir das wie eine richtig gute Idee. So hatte ich viele, viele Nächte stets den selben, geliebten Ablauf. Ich ging gegen halb zwei in der Nacht in mein Zimmer, legte mir drei Zigaretten und den Aschenbecher zurecht, stapelte Kissen, warf mein schlabbriges, geblümtes Nachthemd, das mir auch schon als 13jährige ein Geschlechtsverkehr-vorbeugender Begleiter war, über und nahm das Heizkissen in Betrieb. Dann langsam ins weiche Bett sinken. Ich hatte ein Date mit Edward. Und so lag ich und schmachtete mich durch viele Nächte. Nie fiel es mir leicht, das Buch aus der Hand zu legen. Nur noch ein weiteres Kapitel… die Folge dieser Obsession war ein völlig verschobener Tag-Nacht-Rhythmus. Auch nachdem die 2400 Seiten ausgelesen waren, hat sich dieser Umstand nicht gebessert. Als ich die letzte Seite zu Ende gelesen hatte, machte sich mit sofortiger Wirkung eine unendliche Leere in meinem Körper breit. Ich hatte keine Aufgabe mehr, keine Mission. Keinen Edward. Ein weiterer Verlust… kurz nachdem Alistair mir den Rücken gekehrt hatte. Schnell musste eine neue Leidenschaft daher. Ich wollte den Schmerz nicht zulassen.
So fand sich eine Ärzteserie des deutschen Fernsehens. Glücklich stolzierte ich mit allen Folgen auf DVD aus einem Media-Store mit nur einem Ziel: Die Couch. Mit Jogginghose und Haaren, die zuletzt vor drei Tagen eine Bürste gesehen hatten, machte ich es mir gemütlich. Der kleine Hund rollte sich auf meinem Bauch zusammen und ich verfolgte gebannt, wie die leicht übergewichtige Ärztin um die Gunst zweier Männer buhlte. 16 Folgen á 40 Minuten. Viel Zeit zum Schmachten und Träumen… und sich verstanden zu fühlen. Und viel Zeit, einen der männlichen Hauptdarsteller anzuhimmeln. Natürlich handelte es sich um jenen Typ, der das größte Macho-Arschloch überhaupt war… aber im Kern ein absolutes Sahneschnittchen zu sein schien. 10 Stunden und 40 Minuten sind eine klar bemessene Zeit, nach der auch dieses Paralleluniversum ein Ende fand. Ich hab mit allen erdenklichen Mitteln versucht, Zeit zu schinden. Immer mal wieder eine Pipipause einlegen, Zigaretten kaufen, Kaffee kochen… doch leider war nach etwa 12 Stunden tatsächlich alles vorbei. Durchaus machbar an nur einem einzigen Tag.
Und nun saß ich da und war die Scheinwelt leid. Nichts konnte mich noch so befriedigen, wie das Rollenspiel, die Vampir-Saga und die Ärzteserie. Drei temporäre Obsessionen mit drei Herzensmännern. Und alle drei unterschieden sich, wie Tag und Nacht.
Alistair war blond, muskulös, angenehmerweise von hohem Adel, mit einer süffisanten Brise Sarkasmus und Romantik.
Edwards Haar war offenbar bronzefarben (ich erwähne dies gesondert, da die Autorin der Saga merklich großen Wert darauf legte), er war Vampir und somit äußerst mysteriös. Er war groß, hager und etwas blass. Aber hoffnungslos romantisch und dennoch männlich… ein richtiger Beschützer eben.
Der Arzt hingegen war bösartig, gemein und vielleicht sogar etwas schmierig… aber er hat in einigen Momenten einen Blick, bei dem ich dahinschmolz wie Butter auf einer heißen Herdplatte. Und mal ehrlich… alle Frauen stehen auf blöde Arschlöcher. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, nicht wahr? Spricht wohl nicht gerade für uns…
Resigniert sitze ich auf der Couch. Was soll ich daraus nur schlussfolgern?
Wie sollte denn der Mann sein, für den ich meine bislang nicht ansatzweise genutzte, neu gewonnene Freiheit aufgeben würde?
Irgendwie schleicht mir das Bild einer Speisekarte vor mein inneres Auge, aus der ich mir dank einer reichhaltigen Auswahl an Charaktereigenschaften und optischen Grundzügen das optimale Menü Mann zusammenstellen kann.
Auf Seite eins bis drei stehen Charaktereigenschaften. Na denn mal los!
Ich hätte gerne einmal das „romantische Verführer-Machoarschloch“. Ja, genau wie er auf der Karte steht. Zärtlich, treu, fürsorglich, beschützend und leidenschaftlich. Ohne übertriebenen Hang zu Kerzenlicht und nicht zu nah am Wasser gebaut. Ein richtiger Mann bitte! Demzufolge ist ein Hauch Mistkerl auch in Ordnung. Als Extra nehme ich den bösen Humor, darf auch gerne böser sein, als mein eigener. Und weeeehe,er sagt zu allem was ICH sage JA und AMEN. Zum kotzen. Ich brauche Widerspruch. A lot. Ohne ein bisschen Diskussion und Streit macht sowas ja auch keinen Spaß. Er muss seine eigene Meinung haben und diese auch kundtun, egal wie taktlos und unangebracht es auch sein mag. Schließlich brauche ich keinen Klon, sondern eher ein Gegenüber auf Augenhöhe.
Auf Seite vier bis sieben kann ich mir die Lebensumstände, Gewohnheiten und Vorlieben aussuchen. Fantastisch.
Hier wähle ich Menü „erfolgreicher Überlebenskünstler“! Akademiker wär gar nicht mal so scheiße, Hauptsache intelligent. Ich meine auch eher ein Lebens-intelligent, als bloßes Wissen aus Büchern. Achso, aber bitte nicht intelligenter als ich. Sonst bekomme ich Komplexe, mein bisschen Grips ist schließlich das Einzige, worauf ich mir etwas einbilde. Dann hätte ich gerne noch die Extras Bodenständigkeit, genügend Zeit, genügend Geld und mit ausgeprägten Unternehmungswillen. Favorisierte Musikrichtung Rock/Metal. Raucher, Gelegenheitstrinker noch dazu, bitte. So ist es fein.
Schlussendlich kommt das Dessert auf den Seiten acht bis zwölf. Die optische Erscheinung. Glücklicherweise ist mein Appetit so groß, dass ich die bereits eingesetzte Sättigung gut ignorieren kann. Ich hätte gerne einmal den „mäßig-athletischen Hünen“. Kann man den auch kombinieren mit dem Menü „schlaksiger Kurt Cobain-Verschnitt“? Ich hätte ihn gern sehr groß und breitschultrig, damit ich neben ihm meine Kastenweißbrot-artigen Züge verliere. Längeres Haar, helle Augen. Wär cool. Muss aber nicht. Gepierct und tätowiert als Topping, weil ich so schrecklich oberflächlich bin. Und zum Mitnehmen!!! Danke!
Ich versuche mir vorzustellen, wie das Gesamtpaket dann wohl wäre. Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass das Bild einem Paradoxon gleich kommt. Ein tätowierter, gepiercter, gammliger Typ, der zudem tatsächlich genug Geld verdient, intelligent ist und selten Arbeiten muss?
Jemand, der viel Zeit hat, hat in der Regel kein Geld. Jemand, der genug Geld hat, muss in der Regel viel arbeiten und hat demzufolge wenig Zeit.
Vielleicht müsste er seit langem Manager einer großen Firma sein, damit er Geld und Zeit hat. Aber Manager wird man meistens nicht, wenn man schmuddelig und tätowiert ist. Und meistens ist man als Manager 40 plus.
Ich seufze. Die Männersuche ist wohl nicht so leicht, wie eine Pizza zu bestellen. Vor allem schäme ich mich schon beim arabischem Fake-italienischem Lieferdienst, meine Extrawünsche bekanntzugeben.
Ich muss es hinnehmen. Ich werde auch noch mit 50 Single sein. Ich werde 13 Hunde und 17 Kaninchen besitzen und in einer Zweiraumwohnung mit ihnen hausen. Irgendwann wird die Tierschutzbehörde meine Tür aufbrechen, mich als Tiermessi bezeichnen und mir meine Tiere wegnehmen. Meinen einzigen Lebensinhalt. Tragisch. Wahrscheinlich wird dies sogar in den Medien verbreitet werden. „Gescheiterte Akademikerin als Tiermessi hochgenommen“.
Eine traurige Vorstellung, aber immerhin so etwas wie eine Perspektive. Ich öffne ein Bier und tue mir schon wieder mächtig leid.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s