#1 – Ein Sinnbild

So sitze ich nun also da. 27 Jahre alt, Jogginghose am Leib, Bier in der einen, Zigarette in der anderen Hand und starre den Bildschirm des Computers und ziehe in Erwägung, hysterisch loszuheulen. Macht man doch, wenn man sich gerade getrennt hat, oder? Ich quetsche ein paar Tränchen aus den Augen. Genug, um meinen herzallerliebsten Mitbewohner für einen Moment zu irritieren. Er hatte genug in den letzten Monaten miterlebt, um zu kombinieren, wie es nun um den Status Quo bestellt ist. Allerdings ist er auch Mann genug, um keinen Plan zu haben, wie er damit umgehen soll, also macht er sicherheitshalber gar nichts, außer mitfühlend mit dem Kopf zu nicken und ein weiteres kaltes Bier aus dem Kühlschrank zu fischen, um es geöffnet vor meine Nase zu stellen.
Keinen Plan haben… das trifft auch besonders deutlich auf mich zu. Es ist nicht all zu lange her, da hatte ich einen ganz deutlichen Plan vom Leben. Ich würde fertig studieren, ein oder zwei Jahre arbeiten und mich dann an die Familienplanung werfen. Pille absetzen und vielleicht zwei bis drei Jahre üben, ehe ich schwanger werden würde. Ich wollte mein erstes und hoffentlich auch einziges Kind mit spätestens 35 Jahren begrüßen. Und während dem Mutterschutz promovieren. Ich wollte kitschig heiraten, am Besten in einer Burg, Reis werfen und weiße Tauben, ich wollte aus der Mitte der Stadt in einen schönen Randbezirk ziehen und ein Häuschen kaufen. Präferiert direkt am Wannsee. Ein bis zwei Urlaube im Jahr, ein Auto und Haustiere.
Friede, Freude, Eierkuchen.
Dummerweise habe ich dann im letzten halben Jahr festgestellt, dass ich in Zukunft alles machen möchte, nur nicht, wie mein Plan es einst vorsah.
Heiraten? Vielleicht. Irgendwann. Betrunken in Las Vegas. Auf Burgen ist es immer so kalt. Und Tauben sterben, wenn sie zu viel Reis essen. Stell sich mal einer das Massaker vor.
Kinder? Fantastisch… dann wäre es wirklich vorbei mit Open-Air Festivals im Sommer, nächtelangem Tanzen in Clubs, Spontantrips nach überall und nirgendwo, dem Stalken und Nachreisen der Lieblingsmetalband… Alles vorbei. Nur noch 8 Jahre. Bestenfalls. Dann wäre es vorbei. Dann hieße es: neun Monate lang kein Kaffee, kein Bier und keine Zigaretten. Danach Windeln wechseln, Kacke von den unmöglichsten Orten wegwischen und jämmerliches, lautes Geplärre trotz Oropax 24/7 ertragen. Sobald das Kind sich den Weg ins Freie gebahnt hat, wäre es 18 Jahre lang vorbei mit ruhigem Schlaf. Die ersten Jahre, weil das Baby nachts schreit und man voller Freude Fäkalien entsorgen darf. In den Folgejahren mangelt es nicht nur am Schlaf, sondern auch an sexueller Aktivität (insofern überhaupt noch vorhanden), weil das Kind Angst vor Monstern unter dem Bett und dem schwarzen Mann im Schrank hat und somit vorzieht, zwischen Mama und Papa im ohnehin größeren Bett zu residieren. Schließlich gipfelt der chronische Schlafmangel in der Adoleszenz, da die Tochter einen schmierigen, zwielichtigen Macker hat, der sie womöglich auf Drogen- und Gangbang-Parties schleppt und man über dies hinaus auch noch Angst hat, dass sie den Hauptschulabschluss dankend gegen eine Karriere als Hartz 4-Empfänger oder alternativ als Teenager-Mutter mit entflohenem männlichen Gegenstück eintauscht. Kinder also auch besser nicht.
Häuschen am Wannsee? Wie um alles in der Welt kam ich einst auf diese Idee? Ich hab nicht ohne Grund vor einigen Jahren beschlossen, schnellstmöglich aus dem tiefsten Süden Berlins wegzuziehen und mir das Zentrum vorzunehmen. Klar, es ist schick und dekadent… so ein Häuschen am See. Aber leider ist auch dieses Ziel völlig fernab vom Leben – all die Mücken, Rentner und Kinderwagen. Meilenweit weg vom Leben, dass ich gerne führen würde.
27 Jahre alt. In meinem Alter war meine Mutter schon meine Mutter. Und ich habe keinen Plan mehr von meinem Leben und meiner Zukunft. Reset also. Alles auf Null. Alles von vorne.
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