Notiz an mich selbst. #2 – Abstands-Verhältnisse

An einem Freitag erst um 22:30 Uhr Feierabend haben ist sowieso schon eine Schande. Entweder man ist früher fertig, oder eben später. Aber mit halb elf kann man nun wirklich nichts anfangen. Man kann nicht nochmal nach Hause fahren, um sich schick zu machen. Man kann auch nicht direkt in einen Club fahren, weil coole Menschen ja erst nachts um drei irgendwo auftauchen.
Ich für meinen Teil setzte mich in mein neues Auto. Vier Tage in meinem Besitz und schon hatte sich darin eine ähnliche Menge Müll angesammelt, wie in seinem Vorgänger. Pardon „ihrer Vorgängerin“. Denn meine Autos waren bisher immer weiblich. Nachdem „Pritzie“ jüngst, aufgrund des schmerzlichen Mangels an lebensnotwendigem Motor-Öl, das Zeitliche gesegnet hatte, befand sich nun Trudi in meinem Besitz. Ein altbackenes, deutsches Weibsbild. Ein 2er Golf eben. Ich warf also meine Tasche und meine Jacke in die Karre, schaltete Heizung und Musik im Höchstmaß ein und machte mich auf den Weg. 30 Kilometer lagen vor Trudi und mir und wollten bezwungen werden. Weiterlesen

Drama, Baby.

Valerie hatte einen schlechten Tag. Einen wirklich schrecklich schlimmen Tag. Sie hatte es ja schon im Gefühl, als sie am Morgen einen Zeh aus dem Bett gestreckt hatte. Nein, eigentlich wusste sie es bereits in jenem Moment, als der Wecker klingelte und sie die vom Schlaf verklebten Augen öffnete.
Der Platz neben ihr im Bett war leer, wie schon seit Monaten. Grund genug, den Tag mit einer gehörigen Portion Welt- und Menschenhass zu begrüßen. Die Situation wurde nicht besser, als Valerie merkte, dass ihre Lieblingshose schmutzig war und ihr schönster Pullover über der Brust spannte. Hatte sie ihn etwa zu heiß gewaschen? Oder war sie nur einfach wieder ein bisschen dicker geworden in letzter Zeit? Das wird es sein! Dabei hat sei doch gestern nur einen Salat gegessen – das war ja praktisch Nichts! Schlimm genug, dass sie den faden, trockenen Geschmack nur mittels einer Fülle Joghurt-Dressing, Croutons, Thunfisch, Schinken, Käse und Ei ertragen konnte. Aber das ist doch Nichts! Da ist keine Schokolade und keine Sahne dabei, also ist es gesund! Salat ist überhaupt sehr gesund, man kann soviel davon essen, wie man möchte! So auch Valerie. Und Valerie muss viel essen, um endlich satt zu werden.
Dennoch, das kann nicht der Grund für den spannenden Pullover sein. Die Waschmaschine hatte ihn ganz sicher heißer gewaschen, als sie sollte. Sie war wütend auf dieses schäbige, alte Ding und versetzte ihm während der Morgenhygiene einen ordentlichen Tritt. Weiterlesen

Notiz an mich selbst. #1 – Spiegel-Verhältnisse

Ich muss nun wirklich am absoluten Tiefpunkt angekommen sein. Ich sitze im Schneidersitz auf dem dreckigen Boden meines Wohnzimmers und föhne meine Ausgeh-Unterhose. Dabei strahlt mir dieser beschissene Vollmond direkt ins Gesicht.

Ich hab nicht mal Bock mit zu besaufen und das ist wirklich eine Besonderheit. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich noch genug Promille übrig hab von Gestern. Das nenne ich mal Effizienz! Warum jeden Tag ein Bierchen zischen, wenn ich mir den Alkoholbedarf von Tagen auf einmal reinzwitschern kann?
Dabei hatte ich einen wirklich schönen Abend, so am Donnerstag. Abgesehen davon, dass ich leicht überarbeitet und unterzuckert war. Ich hatte mich bereits im Vorfeld auf diesen Abend gefreut, denn es versprach ein musikalisches Spektakel zu werden – zumindest für jemanden, dessen kulturellen Maßstäbe relativ anspruchslos waren.
Wartet, ich stopf mir jetzt erstmal eine Zigarette. Weiterlesen

Und wer den Schaden hat…

Selbstmitleid ist erst dann angebracht, wenn man sich das Mitgefühl anderer ehrlich und aufrichtig verdient hat. Allerdings… wenn andere einen bemitleiden, braucht man auch kein Selbstmitleid mehr. Dann ist es nämlich schon soweit, dass man über sein eigenes Pech lachen muss.
Pech ist ja meiner Meinung nach auch nicht so schlimm wie Unglück. Unglück ist auch nach einem Jahr noch scheiße. Über Pech kann man in der Regel nach einer knapp bemessenen Zeit schon schmunzeln.
Meine rekordverdächtige Pechsträhne begann an einem Mittwoch, an dem ich dachte, ich könnte pflichtbewusst sein und trotz völlig mangelnder Motivation zu meinem Studi-Job gehen. War ja klar, dass dies Vorhaben bestraft werden musste – wir sind schließlich in Deutschland. Zugegeben, ich war ein wenig abgelenkt, während ich begleitet von den Sonnenstrahlen des Spätnachmittags durch den Prenzlauer Berg in Richtung Arbeit schlich, aber ich konnte an sich schon immer blind laufen. Als Hobby-Alkoholiker mit jahrelanger Erfahrung konnte ich mich zumindest auf diese Fähigkeit des alltäglichen Lebens verlassen: Laufen konnte ich wirklich immer. Bei meinen anderen Talenten sah es da schon um einiges düsterer aus. Sprechen, Denken und SMS schreiben gehörten definitiv nicht dazu. Aber Laufen. Ich konnte beim Laufen essen, trinken, lesen und sogar zeitweise ohnmächtig sein. Voll mein Ding. Aber an diesem einen, Gott verdammten Mittwoch-Nachmittag, reichte nach kurzem Verkehr-abschätzenden Blick auch nüchtern nur ein einziger Schritt. Und Zack hieß es: „Willkommen im Elend!“ Weiterlesen

Mein Glück.

Hollywood bescheißt uns. Jetzt mal wirklich. Man denkt immer, es ginge nur um den weißen Gaul auf dem Prinzen… oder umgekehrt. Liebesgefühle, grooooße Romanzen! Aber Leute, jetzt mal ehrlich… Hollywood bescheißt uns nicht nur bei den Vorstellungen über Liebe, sondern auch über wahres Glück. Warte mal… wie sieht das Leben eines glücklichen Filmhelden überhaupt aus….? Weiterlesen

#3 – Reinkarnation des Bösen

Ich liege auf meinem Bett und bin missmutig. Ich werde endlich mal das tun, was ich mir schon so lange vorgenommen hatte. Ich werde in einen Club gehen! Olé! Doch die Motivation hält sich derzeit in Grenzen. Ich schaue an meinem halbbekleideten, immerhin frisch geduschten Körper hinunter, schlage mit der flachen Hand auf meinen Bauch und zähle die Sekunden, bis der Speck aufhört, Wellen zu schlagen. Viele Sekunden. Zu viele Sekunden. Also ein Sweatshirt und kein anzügliches, rückenfreies Top. Wie gerne hätte ich die Disziplin, eine Diät länger als zwei Tage durchzustehen… oder die realistische Auffassungsgabe, dass Butter und Sahne eher weniger in ein ausgeklügeltes Ernährungskonzept zur Gewichtsabnahme passen. Weiterlesen

#2 – Der königliche, blutsaugende Arzt

Vor der Trennung wusste ich eines ganz genau: Boa, ich hab so Bock auf das Single-Dasein! Keine Verantwortung, unendliche Freiheit zu tun, was ich tun möchte. Die Welt lag mir und meinen bescheidenen studentischen Einkünften zu Füßen. Ich musste nur hinaus in die Welt und irgendwo würde ich mein Glück finden. Das Glück sitzt betrunken in einer Ecke und wartet sehnlichst auf mich!
In der Realität sieht es leider etwas anders aus. Nüchtern. Natürlich im übertragenen Sinn, denn nüchtern war ein Zustand, den ich in den ersten Wochen als alleinstehende, karriereorientierte, wenn auch derzeit motivationslose Frau nur selten erreichte. Auch ist mir der Tausch Jogginghose gegen sexy Outfit bisweilen nicht gelungen. Keine Sorge. Es ist keineswegs so, dass ich keine Beschäftigung hatte. Ich floh in alle nur erdenklichen Parallelwelten. Ablenkung, irreales Leben. Weiterlesen